|Rezension| Onigiri – Yuko Kuhn

von | Aug. 29, 2025 | 0 Kommentare

Ein leiser Roman über Fremdsein und Erinnerung

Gebundene Ausgabe: 23,00 Euro
Ebook: 16,99 Euro
Erscheinungsdatum: 22.07.2025
Seiten: 208

„Bevor wir dem Entrümpelungsunternehmen die Wohnung überlassen, gehen mein Bruder und ich noch ein letztes Mal durch die Zimmer. Für uns ist jeder Gegenstand behaftet mit Erinnerungen, wenn wir jetzt gehen, wird alles mit einem Schlag bedeutungslos sein.“ (S.170)

Inhalt

Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.

Mein Eindruck

Ich muss zugeben: Yuko Kuhns Debütroman “Onigiri” hat es mir anfangs nicht leicht gemacht. Ich musste erst einmal mit der Geschichte bzw. ihrer Erzählweise warm werden. Irgendwann wurde mir klar: Hier ist der Weg das Ziel. Wenn man sich darauf eingestellt hat, erkennt man den Charme dieses Romans.

Wie ihre Ich-Erzählerin Aki ist die Autorin als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters in München aufgewachsen. Der Verdacht, dass es sich bei “Onigiri” um einen autofiktionalen Roman handelt, liegt also nahe. 
In Rückblenden erfahren wir viel über ihre Kindheit von Aki und ihrem Bruder und vor allem über das Aufwachsen zwischen den beiden Kulturen. Die Eltern lassen sich früh scheiden. Die Kinder wachsen bei ihrer Mutter Keiko auf.  Immer wieder wird thematisiert wie groß der Kontrast zwischen der bescheidenen Lebensweise daheim und dem pompösen Lebensstil der deutschen Großeltern väterlicherseits ist. In diesen Gegensätzen spürt man die Spannung, die Aki ihr Leben lang begleitet. Ich konnte gut nachvollziehen, warum sie den Großeltern nie unbefangen begegnet.

Aki hat ihre Mutter oft als passiv erlebt, vom Alltag überfordert, als eine Frau, die sich die Hände vors Gesicht legt. Auch Akis Vater hat mit Depressionen zu kämpfen. Mittlerweile ist Keiko an Demenz erkrankt und Aki hat die Hoffnung, dass ihr eine letzte Reise nach Japan, die im Zentrum des Romans steht, gut tun wird. Für Mutter und Tochter wird dies eine Reise in die Vergangenheit. Anhand des Klappentextes hätte ich hier einen stärkeren Fokus auf die Demenz-Thematik vermutet. Ich wäre gern tiefer eingetaucht in das Thema und hätte mir gewünscht, nachempfinden zu können, wie es sich anfühlt, die eigene Mutter Stück für Stück zu verlieren. Kuhns Erzählweise bleibt nüchtern und distanziert. Auf der einen Seite passt das wunderbar zum Gefühl des Fremdseins, das sich durch die ganze Geschichte zieht. Auf der anderen Seite hat es mir schwer gemacht, wirklich mit Aki mitzufühlen.

Ein anderes Problem, das ich bei der Lektüre hatte, kann man der Autorin nicht anlasten und ist vielmehr selbst verschuldet: Ich habe das Buch als Ebook gelesen und deshalb erst am Ende das Glossar gefunden, das während der Lektüre so hilfreich gewesen wäre. Ich kenne mich leider weder mit der japanischen Sprache noch mit der japanischen Kultur aus, so dass mich die vielen japanischen Begriffe im Roman ziemlich überfordert haben. Da ist so ein Glossar natürlich Gold wert – wenn man es nicht erst am Ende der Lektüre findet.

Und weil wir gerade bei japanischen Begriffen sind: Der Titel “Onigiri” passt übrigens ganz wunderbar zum Buch. Diese unscheinbaren Reisbällchen sind für Aki Erinnerung und Trost zugleich. Und genauso wirkt auch das Buch: schlicht, aber voller Symbolkraft.

Mein Fazit:

“Onigiri” ist kein lauter Roman, sondern ein stilles Debüt, das auf seine ganz eigene Weise berührt. Es erzählt von einer interkulturellen Familiengeschichte, von der Last einer dysfunktionalen Kindheit und von den Brüchen, die Eltern an ihre Kinder weitergeben. Wer bereit ist, sich auf den ruhigen, distanzierten Tonfall einzulassen, wird mit einem feinfühligen Blick auf Fremdheit, Erinnerung und die japanische Kultur belohnt.

 
Vielen Dank an den Hanser und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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