|Rezension| Unter anderen Umständen – Verena Teke
Wenn Hoffnung zur täglichen Zumutung wird
„Ich gehe wortlos an der Anmeldung vorbei, werde aber von der Sprechstundenhilfe, mit der ich vorhin telefoniert habe, aufgehalten. ‘Frau Wiener, ich habe gerade gesehen, dass Sie die aktualisierte Datenschutzerklärung noch nicht unterschrieben haben.’ Sie schiebt mir ein Blatt über den Tresen und reicht mir einen Kugelschreiber. (…) Ich schaue sie fassungslos aus meinen geröteten Augen an, aber sie verzieht keine Miene. Ich umklammere den Kugelschreiber fest und stelle mir vor, wie ich ihn ihr in ihr Herz ramme, dann unterschreibe ich. Sie wünscht mir lächelnd einen schönen Tag.“ (S.109)
Inhalt
Nach einer gescheiterten Beziehung flüchtet Hanna, Mitte dreißig, nach Berlin. Die Zeichen für einen Neustart stehen gut. Sie lernt Taner kennen, der sich tatsächlich dasselbe wünscht wie sie: ein Baby. Doch nach zwei Jahren ist Hanna noch immer nicht schwanger. Anfangs noch optimistisch, sucht sich das Paar Hilfe in einer Kinderwunschpraxis. Doch während um sie herum alle ganz problemlos schwanger werden, gerät Hanna, Zyklus für Zyklus immer weiter in die Mühlen der Reproduktionsmedizin. Sie sieht sich mit Terminplänen, Hormonspritzen und deren Einfluss auf ihren Körper konfrontiert. In der Beziehung beginnt es zu kriseln und Hanna verliert mehr und mehr den Mut und die Nerven, während sie doch eigentlich nur eines tun soll: entspannt bleiben. Verena Teke erzählt von neun Monaten des Hoffens und Bangens, von geplatzten Träumen und der harten Realität eines unerfüllten Kinderwunsches, von anderen Umständen, die traurig, schmerzhaft, absurd und oft auch witzig zugleich sind.
Mein Eindruck
In “Unter anderen Umständen” erzählt Verena Teke die Geschichte von Hanna und Taner, die sich nach zwei Jahren Beziehung ein gemeinsames Kind wünschen. Was zunächst wie ein selbstverständlicher nächster Schritt erscheint, entwickelt sich schnell zu einer emotionalen Belastungsprobe. Nach vielen erfolglosen Versuchen, schwanger zu werden, beginnen sie eine Kinderwunschbehandlung – vor allem Hanna spürt den zunehmenden Druck, endlich schwanger zu werden. Die viel zitierte „tickende biologische Uhr“ ist dabei kein abstraktes Schlagwort, sondern ein stetiger Begleiter ihres Alltags.
Verena Teke konzentriert sich ganz auf Hannas Perspektive – eine Entscheidung, die dem Text eine große Intimität verleiht, ihn aber auch einseitig macht. Taners Perspektive hätte mich schon auch interessiert. Dafür zeigt die Autorin aber aus Hannas Sicht wie ein unerfüllter Kinderwunsch sich auf weitere Bereiche auswirkt: Er betrifft nicht nur den Körper, sondern auch die psychische Gesundheit, Freundschaften, familiäre Beziehungen und nicht zuletzt natürlich die Partnerschaft selbst.
Dabei verzichtet die Autorin bewusst auf Urteile und Zuschreibungen. Statt Schuldfragen oder individueller Niederlagen rückt sie das in den Mittelpunkt, was übrig bleibt, wenn nur noch Hoffnung den Alltag dominiert und zur Belastung wird. Mit großer Sensibilität beschreibt sie die feinen Risse, die entstehen, wenn körperliche Grenzen und emotionale Beziehung auseinanderdriften. Gerade dieses schleichende, oft kaum wahrnehmbare Scheitern an der Wirklichkeit verleiht “Unter anderen Umständen” seine schmerzhafte Authentizität.
Besonders stark ist der Roman dort, wo er die alltäglichen Verletzungen sichtbar macht: gut gemeinte Sätze wie „Es soll vielleicht nicht sein“ oder vermeintlich tröstende Ratschläge à la „Wenn du nicht mehr daran denkst, klappt es bestimmt!“ treffen jede Person mit Kinderwunsch mit voller Wucht. Ebenso der allgegenwärtige Anblick fremder schwangerer Frauen – die plötzlich überall zu sein scheinen. Verena Teke legt hier konsequent den Finger in die Wunde und zeigt, wie einsam diese Erfahrung machen kann, selbst wenn sie von außen begleitet wird.
Bemerkenswert gut gelungen ist auch die feine Ironie, die immer wieder durch den Text blitzt und dem schweren Thema stellenweise eine überraschende Leichtigkeit verleiht. Sicherlich ist das nicht jedermanns Sache, doch gerade diese Brechungen wirken klug gesetzt. Besonders die Einteilung der Kapitel in Schwangerschaftsmonate kann man nur ironisch lesen: Schließlich handelt es sich hier nicht um einen Schwangerschaftsratgeber, sondern um einen Roman über das Ausbleiben dessen, was diese Monate eigentlich versprechen.
Unter anderen Umständen ist kein hoffnungsvoller Roman im klassischen Sinne. Er beschönigt nichts, bietet keine einfachen Lösungen und kein tröstendes Ende. Stattdessen zeigt er die Realität einer Kinderwunschbehandlung und schafft dadurch im besten Falle Trost für Paare, die diesen Weg gehen oder gehen mussten und vor allem auch Verständnis für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.
Mein Fazit:
Verena Teke hat mit “Unter anderen Umständen” einen stillen, eindringlichen Roman geschrieben, der weh tut, weil er ehrlich ist. Ohne Pathos und ohne moralische Zuschreibungen erzählt sie von einer Erfahrung, über die oft geschwiegen wird. Das Buch verlangt seinen Leser:innen Empathie ab, schenkt dafür aber ein tiefes Verständnis für einen Zustand zwischen Hoffnung, Erschöpfung und Verlust. Keine leichte Lektüre, aber eine sehr notwendige.