|Rezension| Guten Morgen, schönes Wetter heute – Tanja Kokoska
Ein bisschen Rilke, ein bisschen Depeche Mode und ganz viel Herz!
„Frau Arslan denkt, dass die Ehe wie ein Leben auf zwei Kontinentalplatten ist. Man driftet nicht auseinander, sondern aufeinander zu, und je näher man sich kommt, desti gefährlicher wird es. Dann verschiebt eine Platte die andere, kaum merklich, jedes Jahr um etwa zwei Zentimeter. Das hört sich nach wenig an. Doch auf diese Weise entsteht ein Druck, der sich aufbaut und wächst und wächst. Irgendwann wird er zu groß, die Platten halten ihm nicht mehr stand.“ (S.144)
Inhalt
Diesmal ist es etwas anderes. Darauf hofft Ina jedes Mal, wenn sie sich verliebt. Doch es geht immer schief. Sie arbeitet in einem Tattoo-Studio und wohnt mit ihrem Sohn Henry in der Siedlung »Am Kastanienbaum«, irgendwo mitten in einer großen Stadt. Dort gibt es noch mehr Menschen wie Ina, 1.583 genauer gesagt. Sie leben nah beisammen und bleiben doch allein. Da ist Herr Bello, der am liebsten im Faltenrock tanzt. Samy, der davon träumt, eine Ente zu streicheln. Und Frau Arslan, die Gedichte in Pralinenschachteln versteckt. Sie alle eint die Sehnsucht nach Glück und Verbundenheit. Eines Tages macht Baggerfahrer Paco eine schicksalhafte Entdeckung: Eine Weltkriegsbombe liegt unter der Erde. Darauf geschieht in der Siedlung etwas Wundersames. Die Menschen kommen einander näher, als es möglich schien. Und Ina begegnet dem Mann, mit dem es etwas anderes ist.
Mein Eindruck
Auf dem Buchrücken von Tanja Kokoskas „Guten Morgen, schönes Wetter heute“ steht: „Dieses Buch lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben.“ Und ja, das stimmt! Aber es ist längst nicht der einzige Grund, warum man diesen Roman lesen sollte.
Tanja Kokoska erzählt von Menschen, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander verbindet. Ihre Wohnungen liegen Tür an Tür, doch hinter den vielen Wohnungstüren verbergen sich ganz unterschiedliche Leben, Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte. Genau dieses Setting bietet sich wunderbar für Perspektivwechsel an. Wir lernen nach und nach eine ganze Reihe origineller Figuren kennen, blicken in ihre Gedanken- und Gefühlswelten und erleben ihren Alltag, ihre Begegnungen und die kleinen und großen Herausforderungen, die das Leben für sie bereithält.
Besonders schön fand ich dabei, wie sich die einzelnen Geschichten immer weiter miteinander verknüpfen. Menschen, die zunächst nur lose miteinander verbunden scheinen, begegnen sich, beeinflussen einander und werden schließlich Teil einer größeren Geschichte. Aus vielen einzelnen Schicksalen entsteht so nach und nach ein modernes Märchen – allerdings eines, das mitten im echten Leben spielt. Mit ganz zartem Humor, viel Empathie und gleichzeitig erstaunlich viel Tiefgang erzählt Kokoska davon, was passieren kann, wenn Menschen aufeinander zugehen, statt nur aneinander vorbeizuleben.
Die Sprache passt wunderbar zu dieser Geschichte. Sie ist warmherzig und leicht, ohne oberflächlich zu werden, und immer wieder blitzt ein feiner Humor auf. Gerade diese Mischung hat mir sehr gut gefallen. Man liest das Buch kurzweilig und mit einem Lächeln, wird aber gleichzeitig immer wieder zum Nachdenken gebracht. Denn hinter den Begegnungen und kleinen Alltagsmomenten stehen große Fragen: Wie viel können wir über das Leben eines anderen Menschen wissen? Was übersehen wir, wenn wir nur unsere eigene Perspektive kennen? Und was kann ein bisschen Aufmerksamkeit, Mitgefühl oder Hilfsbereitschaft bewirken?
Und dann sind da noch all die kleinen Details, die dieses Buch für mich besonders liebenswert machen. Die Depeche-Mode-Bezüge zum Beispiel, denn wie Ina habe auch ich nicht nur Angst vor dem Zahnarzt, sondern bin ein Depeche-Mode-Fangirl. Oder die versteckten Rilke-Gedichte in Lebensmitteln, die bei mir sofort eine Erinnerung an meine eigene intensive Rilke-Phase geweckt haben. Es sind solche kleinen, liebevollen Einfälle, die vielleicht nur am Rand der Geschichte stehen, aber unglaublich viel Atmosphäre schaffen. In ihrer Summe machen sie den Roman zu einem Buch, in dem man sich gerne aufhält.
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings: Der Klappentext nimmt meiner Meinung nach etwas vorweg, das – wenn überhaupt – erst im letzten Viertel des Romans eine größere Rolle spielt. Dadurch entsteht der Eindruck, genau dieses Ereignis sei der Höhepunkt der Geschichte, und man wartet beim Lesen irgendwann auf den angekündigten „großen Knall“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Für mich wird dieser Aspekt dadurch größer gemacht, als er für die eigentliche Geschichte letztlich ist. Viel wichtiger und auch viel stärker sind nämlich die vielen kleinen Begegnungen und Verbindungen, aus denen der Roman seine Wärme und seinen Zauber zieht.
Mein Fazit:
„Guten Morgen, schönes Wetter heute“ ist ein warmherziger Gesellschaftsroman über Menschen, die einander zufällig begegnen und dabei vielleicht genau das finden, was ihnen gerade gefehlt hat. Ein Buch über Nachbarschaft, Freundschaft und Familie, über Einsamkeit und Zusammenhalt – und vor allem über die Kraft der Empathie. Tanja Kokoska verwebt die unterschiedlichen Lebensgeschichten mit viel Feingefühl zu einem modernen Märchen, das mich gut unterhalten und immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat. Und ja: Nach der Lektüre glaubt man tatsächlich ein bisschen mehr an das Gute im Menschen.