|Rezension| Niemands Töchter – Judith Hoersch

von | Feb. 4, 2026 | 0 Kommentare

Über die leisen Wunden der Kindheit

Verlag: Piper
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 30.01.2026
Seiten: 384

„Zeit heilt nicht alle Wunden. Dieser Spruch kann nur von jemandem kommen, der seine Lieblingsmenschen noch hat. Über mir ist damals ein Schatten aufgetaucht, eine fette schwarze Wolke, die nie ganz verschwunden ist.“ (S.325)

Inhalt

Alma ist Niemands Tochter. Sie wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel auf, doch das kluge und neugierige Mädchen fühlt sich fremd in seiner Familie. Denn um seine Herkunft wird geschwiegen.  
Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort vermisst noch eine Frau ihre Mutter schmerzlich – Isabell, die 2019 in Berlin lebt. Diese Leerstelle hat ihre Vergangenheit geprägt, und beeinflusst noch immer ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.
Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise kreuzen, entfaltet sich zwischen Polaroids und verlorenen Träumen eine Geschichte, die die beiden Frauen über Generationen hinweg verbindet. 
Ihr Leben lang waren Niemands Töchter auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, und gemeinsam finden sie ihn, wo sie ihn am wenigsten erwartet haben. Ein berührender Roman über das, was wir verlieren, das, was bleibt – und die Kraft, die man daraus schöpft, das eigene Glück zu suchen.

Mein Eindruck

Zu Beginn war ich ehrlich gesagt ein wenig skeptisch – und auch überfordert. Vier Frauen, vier Perspektiven, wechselnde Zeiten: Ich musste immer wieder zurückblättern, um mich zu orientieren, Namen zuzuordnen und die jeweiligen Lebensphasen einzuordnen. Es brauchte eine Weile, bis mir die Figuren vertraut wurden und ich mich sicher genug fühlte, um wirklich in ihre Geschichten einzutauchen.

Relativ früh im Buch ahnte ich jedoch, wie die Lebensläufe dieser vier Frauen miteinander verwoben sind. Damit war klar: „Niemands Töchter“ ist keines dieser Bücher, in denen man viele Figuren kennenlernt, um erst ganz am Ende überrascht festzustellen, wie alles zusammenhängt. Genau das konnte also nicht das eigentliche Ziel dieses Romans sein – und spätestens an diesem Punkt war meine Neugier endgültig geweckt.

Denn Judith Hoersch geht es um etwas Tieferes: darum zu ergründen, wie sehr wir durch unsere Herkunft geprägt sind, genauer gesagt durch unsere Mütter und das familiäre Gefüge, in das wir hineingeboren werden. Der Roman verhandelt große, existenzielle Themen: Mutterschaft, Verlust, Identität, die Suche nach den eigenen Wurzeln – und die Frage, welche Spuren es in der Seele hinterlässt, wenn man nicht die Liebe als Kind erfährt, die man bräuchte, um zu wachsen – seelisch und körperlich. Über Generationen hinweg entstehen Verhaltensmuster, die weitergegeben werden – manche sehr offensichtlich, manche fast unbemerkt. Sich davon zu lösen, ist schwer, wie Judith Hoersch eindrücklich mit “Niemands Töchter” zeigt. 

Besonders gut gefallen hat mir der originelle Plot des Romans und Judith Hoerschs Art zu erzählen: eindringlich, klar, einfühlsam. Es gibt viele Passagen, bei denen ich innegehalten habe, die nachgewirkt haben und mich auch nach dem Lesen nicht sofort losgelassen haben. Sehr mochte ich außerdem die Bedeutung der Fotografie, genauer gesagt der Polaroids, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – als fragile Momentaufnahmen von Erinnerungen.

Meine Lieblingsfigur ist eindeutig Marie. Nicht nur wegen ihrer Liebe zur Literatur und zur Fotografie, sondern vor allem wegen ihrer Ambivalenz: Sie ist zugleich zart und stark, verletzlich und widerständig – eine Figur, die man nicht auf eine Eigenschaft reduzieren kann und die genau deshalb so spannend ist. Aber auch die anderen drei Frauen sind durchaus interessante Charaktere mit Stärken und Schwächen. Sie wachsen einem im Verlauf der Geschichte sehr ans Herz.

Mein Fazit:

„Niemands Töchter“ ist ein spannender und tiefgründiger Roman über Herkunft, Prägung und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Er fordert Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt diese aber mit psychologischer Tiefe, starken Figuren und vielen nachhallenden Gedanken. Ein Buch, das nicht auf schnelle Effekte setzt, sondern langsam wirkt und genau deshalb lange bleibt. Definitiv ein Jahreshighlight!

Vielen Dank an den Piper Verlag und die Kulturagentur für das Rezensionsexemplar.
 
 
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