|Rezension| Grüne Welle – Esther Schüttpelz

von | März 25, 2026 | 0 Kommentare

Interessant gedacht, schwer zu greifen.

Verlag: Diogenes
Gebundene Ausgabe: 25,00 Euro
Ebook: 21,99 Euro
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
Seiten: 208

„Es war ein Weinen, das auf den ersten Blick ausgesehen haben mochte wie ein Weinen, dem viele sich steigernde Gedanken vorausgegangen waren, doch wer sich mit Weinen ein wenig auskannte, musste erkennen, dass es gerade das nicht war, sondern ein Weinen, das dazu diente, das Unterbewusstsein aufzubrechen, den Weinenden zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst zu nötigen, und dazu konnte es kaum heftig genug sein.“ (S.73)

Inhalt

Nach dem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt heim – bis eine Umleitung sie von ihrem Weg abbringt. Sie verpasst Ausfahrt um Ausfahrt, entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann auf sie wartet. Nach einer ganzen Nacht und dem folgenden Tag wird klar: Vielleicht wäre es besser, wenn sie nie wieder zu ihm zurückkehren würde. Denn so unheimlich die Finsternis der Landstraßen und Tankstellen auch ist, die wahre Gefahr lauert dort auf sie.

Mein Eindruck

„Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz ist eine Erzählung, die sich bewusst gegen klassische Erzählkonventionen stellt  und mir genau dadurch den Einstieg nicht gerade leicht gemacht hat. Die Figuren bleiben namenlos: Die Protagonistin ist „die Frau“, ihr Partner „der Mann“, ihre Freundin schlicht „die Freundin der Frau“. Dieser Ansatz mag darauf abzielen, die Geschichte zu verallgemeinern, sie universeller zu machen, als könnte sie jeder Frau passieren. Gleichzeitig sorgt genau das aber auch für eine gewisse Distanz. Mir fiel es schwer, eine echte Verbindung zu den Figuren aufzubauen.

Erschwerend kam hinzu, dass ich direkt zuvor einen sprachlich sehr zugänglichen, nahezu poetischen Roman gelesen hatte. Der eher sperrige, fordernde Stil von Esther Schüttpelz verlangte mir daher gerade zu Beginn einiges ab. Nach etwa 30 Seiten habe ich das Buch zunächst zur Seite gelegt und war unsicher, ob ich weiterlesen möchte. Und doch blieb diese leise Neugier: Was passiert mit der Frau, die sich nach einem Kinoabend verfährt und plötzlich ziellos durch die Nacht fährt, während ihre Gedanken immer weiter abschweifen?

Also habe ich weitergelesen. Und auch wenn der anspruchsvolle Stil bleibt, entfaltet der Text nach und nach eine ganz eigene Wirkung. „Grüne Welle“ ist kein Buch für nebenbei, keines, das man schnell vor dem Einschlafen noch zur Hand nimmt. Es fordert Aufmerksamkeit, Konzentration und die Bereitschaft, sich auf Leerstellen einzulassen.

Was als kleine Irrfahrt beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer inneren Reise. Während die Frau durch die Nacht fährt, kreisen ihre Gedanken um ihr Leben, ihre Entscheidungen, ihre Vergangenheit. Erinnerungen blitzen auf, insbesondere an die Zeit mit ihrer besten Freundin, aber auch an ihre Ehe. Schnell wird klar, dass die Frau nicht nur “klassische” Eheprobleme hat. Der Roman arbeitet stark mit Andeutungen und lässt bewusst Interpretationsspielräume offen.

Im Verlauf dieser Fahrt nimmt die Frau zwei junge Anhalterinnen mit. Durch die Gespräche mit den Beiden stellt sie sich das erste Mal die Frage, ob sie überhaupt nach Hause zurückkehren soll. Wäre es möglich, einfach weiterzufahren und neu anzufangen?

Gerade hier berührt der Roman ein schweres Thema: eine von Gewalt geprägte Ehe. Doch auch dieses bleibt auffallend distanziert erzählt. Die Beziehung zu dem Mann wirkt blass, beinahe konturlos. Die Gewalt wird eher umkreist als wirklich greifbar gemacht. Das mag eine bewusste Entscheidung sein, die sich in die insgesamt zurückhaltende, indirekte Erzählweise einfügt. Sie hat bei mir aber auch dazu geführt, dass die emotionale Wucht, die dieses Thema eigentlich mit sich bringt, nicht wirklich ankommt. Ich hätte mir hier mehr Tiefe und eine mutigere Auseinandersetzung gewünscht.

So blieb ich am Ende etwas zwiegespalten zurück. „Grüne Welle“ ist ohne Frage ein ungewöhnliches Buch, formal interessant und anders als vieles, was man sonst liest. Die Idee, eine äußere Fahrt mit einer inneren Bewegung zu verknüpfen, funktioniert stellenweise sehr gut. Gleichzeitig hat mich die emotionale Distanz immer wieder auf Abstand gehalten.

 

Mein Fazit:

“Grüne Welle” von Esther Schüttpelz ist ein literarisch anspruchsvoller, eigenwilliger Roman, der gleichermaßen unbequem wie originell ist und vieles offen lässt. Für mich war es eine interessante Leseerfahrung, aber keine, die mich wirklich berührt hat. Mir fehlte es letztlich an Nähe zu den Figuren und an emotionaler Tiefe, um richtig in diese Geschichte eintauchen zu können.

 
Vielen Dank an den Diogenes Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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