|Rezension| Co – Rina Schmeller
Über eine Abhängigkeit, über die viel zu selten gesprochen wird
„Er brauchte die Droge und brauchte mich, schützte aber letztendlich die Droge. Ich brauchte ihn. Und schütze ihn. Und isolierte mich mit ihm, und das hieß eben auch mit der Droge..“ (S.89)
Inhalt
Eine Begegnung auf einer Brücke. Ein Erkennen, eine Liebe. Die Entscheidung für ein gemeinsames Leben – ungeachtet der Droge, die ihn begleitet und somit nun auch ihren Alltag bestimmt. Sie verstrickt sich in seine Abhängigkeit, beginnt, um ihn zu kreisen wie er um die Droge: stilles Zentrum, dritte Instanz. Sie flieht immer wieder vor der Gewalt, doch kehrt stets nach Hause zurück – bis sie es eines Tages nicht mehr tut.
Mein Eindruck
„Co“ kommt äußerlich eher unscheinbar daher, hat es inhaltlich aber ordentlich in sich. Denn Rina Schmeller erzählt in ihrem Debütroman von der Co-Abhängigkeit der Frau, deren Mann dem Alkohol verfallen ist. Im Mittelpunkt steht dabei ausdrücklich ihre eigene Erkrankung und der schwierige Weg, sich aus dieser emotionalen Abhängigkeit zu befreien. Romane mit alkoholkranken Figuren gibt es viele, aber meines Wissens bisher keinen, in dem der Partner bzw. die Partnerin des alkoholkranken Menschen im Fokus steht. Deshalb hat mich die Geschichte neugierig gemacht.
Zunächst dachte ich, es handele sich um eine fiktive Geschichte, die durch die Ich-Perspektive besonders authentisch wirken soll. Doch schon nach wenigen Seiten wurde mir klar, dass man kaum so über Co-Abhängigkeit schreiben kann, ohne selbst Erfahrungen damit gemacht zu haben. Tatsächlich geht Rina Schmeller sehr offen mit dem Thema um und hat in Interviews bereits erzählt, dass „Co“ ein autofiktionaler Roman ist.
Auch formal ist das Buch eigenwillig. Viel Weiß auf den Seiten, manchmal stehen dort nur wenige Sätze. Doch gerade diese Reduktion hat eine enorme Wirkung. Die knappe Sprache lässt vieles unausgesprochen und gibt einzelnen Gedanken und Situationen umso mehr Gewicht. Nichts wird ausgeschmückt oder unnötig dramatisiert. Schmeller erzählt nüchtern, schonungslos und gerade deshalb unglaublich eindringlich. Gut gefallen hat mir auch der rückwärtsgewandte Blick: Bereits zu Beginn ist klar, dass die Ich-Erzählerin es geschafft hat, sich aus der Co-Abhängigkeit zu befreien. Sie erzählt die Geschichte in der Retrospektive.
Besonders beeindruckt hat mich, wie nachvollziehbar sie die emotionalen Abhängigkeiten und inneren Konflikte ihrer Erzählerin beschreibt. Diese erträgt über Jahre hinweg Beschimpfungen und Gewalt, flieht zum Selbstschutz zu Freundinnen und kehrt doch immer wieder zu ihrem Mann zurück. Das tut schon weh beim Lesen. Gleichzeitig versteht man aber auch, warum es ihr viele Jahre nicht gelingt. Denn genau das macht die Co-Abhängigkeit aus: die Unfähigkeit, sich aus einer Beziehung zu lösen, die einem längst nicht mehr guttut, und das Festhalten an der Hoffnung, dass sich doch noch etwas ändern könnte.
Besonders eindrücklich fand ich die vielen kleinen Beobachtungen, an denen deutlich wird, wie tief die Abhängigkeit des Mannes und damit auch die Co-Abhängigkeit der Erzählerin längst in ihren Alltag eingedrungen sind. Nach einem Umzug etwa nimmt sie die neue Umgebung unter die Lupe und entdeckt an der Ecke einen Späti. Während ich beim Lesen also denke “Scheiße, dort hat ihr Mann leichten Zugang zu Alkohol.” denkt die Erzählerin, dass ihr Mann dort schnell und billiger Bier bekommt als zum Beispiel an der Tankstelle. Solche scheinbar nebensächlichen Details sagen oft mehr über die Situation aus als lange Erklärungen. Sie zeigen, dass sich irgendwann alles nur noch um die Sucht des anderen dreht und die widersprüchlichen Gedanken, die die Co-Abhängigkeit mit sich bringt.
Rina Schmeller erzählt von diesem Zustand mit großer Einfühlsamkeit, aber ohne jede Sentimentalität. Sie beschönigt nichts, sucht keine Ausreden und erspart ihrer Erzählerin auch nicht die unangenehmen Wahrheiten. Dabei gelingt es ihr, die verschiedenen Facetten der Co-Abhängigkeit sichtbar zu machen: die Angst, die Scham, die Hoffnung, die Selbstaufgabe und die Schwierigkeit, die eigenen Bedürfnisse überhaupt noch wahrzunehmen.
Mein Fazit:
„Co“ ist ein eindringliches, stellenweise schwer auszuhaltendes Buch, das einen Blick auf eine Form der Abhängigkeit wirft, über die viel zu selten gesprochen wird. Während Alkoholismus als Erkrankung zumindest gesellschaftlich sichtbar ist, bleibt die Co-Abhängigkeit der Angehörigen oft im Hintergrund. Rina Schmeller gibt ihr einen Raum und zeigt, wie sehr auch das Leben der Menschen beeinträchtigt wird, die mit einer suchtkranken Person zusammenleben. Für mich ist „Co“ gerade durch seine ungeschönte, zurückhaltende Erzählweise ein wichtiges und bemerkenswertes Buch.