|Rezension| Fünf Tage im Licht – Rhiannon Lucy Cosslett
Ein Sommerroman? Ja? Nein? Vielleicht.
„Ich genehmigte mir einen Augenblick, um ihn stumm zu hassen.“ (S.147)
Inhalt
Die Malerin Sophie verbringt den Sommer mit drei Freundinnen auf der griechischen Insel Sifnos. Eine von ihnen wird bald heiraten, es ist das letzte Mal, dass sie als unverheiratete Frauen zusammen sind, in fünf Tagen kommen ihre jeweiligen Partner nach.
Sophie genießt die trägen Tage in der Sommerhitze – und die Auszeit von ihrem Freund Greg, der sie mit seinem Kinderwunsch unter Druck setzt. Jeden Morgen geht sie zum Schwimmen runter ans Meer und begegnet dort dem Griechen Ky. Beide fühlen sich auf Anhieb zueinander hingezogen. Eine intensive Affäre beginnt, in der Sophie sich immer mehr verliert.
Unterdessen arbeitet Sophie an einem Aktporträt ihrer Freundin Alessia, doch zwischen den beiden Frauen entstehen Unstimmigkeiten, die sich von Tag zu Tag intensivieren. Sowohl das Gemälde als auch die Affäre stellen alles infrage, was Sophie zu wissen glaubt …
Mein Eindruck
Im Mittelpunkt von “Fünf Tage im Licht” steht Sophie, eine Malerin, die sich in einer entscheidenden Phase ihres Lebens befindet. Ihr Freund wünscht sich ein Kind, während Sophie ziemlich sicher ist, dass sie keine Mutter werden möchte. Zu groß ist ihre Angst, dass ein Kind das Ende ihrer künstlerischen Arbeit bedeuten könnte. Gleichzeitig erlebt sie durch ihre pflegebedürftige Schwester hautnah, wie viel Care-Arbeit noch immer von Frauen übernommen wird. Zwischen Kinderwunsch, Selbstverwirklichung, Beziehung und der Frage, was ein erfülltes Frauenleben eigentlich ausmacht, entwickelt sich eine Geschichte, die viele interessante Themen miteinander verknüpft.
Besonders spannend fand ich dabei das Konzept des Romans. Sophies Arbeit als Künstlerin zieht sich durch die gesamte Geschichte. Immer wieder gibt es kurze Kapitel über reale Künstlerinnen und eines ihrer Werke. Sophie setzt sich mit deren Leben und ihrer Kunst auseinander und zieht Verbindungen zu ihrem eigenen. Diese Einschübe haben mir ausgesprochen gut gefallen, denn sie greifen die Themen Mutterschaft, Klassismus, den weiblichen Körper, weibliches Begehren und Feminismus in der Kunst auf, aber auch die Unsichtbarkeit von Künstlerinnen in der Kunstgeschichte. Ich kannte viele der vorgestellten Künstlerinnen überhaupt nicht und fand die Informationen über sie so interessant, dass ich anschließend einige ihrer Werke im Internet gesucht habe. Genau das mag ich an Büchern: wenn sie über die eigentliche Geschichte hinaus etwas anstoßen und Lust machen, sich mit einem Thema weiterzubeschäftigen. Allein deshalb hat sich die Lektüre von “Fünf Tage im Licht” gelohnt.
Überhaupt verwebt Rhiannon Lucy Cosslett die verschiedenen gesellschaftlichen und persönlichen Themen sehr interessant miteinander. Modernes Frau-Sein, Feminismus, Benachteiligung, Mutterschaft und Berufung, soziale Herkunft und Klassenzugehörigkeit spielen eine ebenso große Rolle wie die Frage, wie unterschiedlich Menschen auf die Welt schauen können. In vielen kleinen Szenen wird deutlich, wie diese Unterschiede zu Distanz und Unverständnis führen – zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen Frauen, die aus völlig unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammen.
IInteressant war auch die Dynamik zwischen den vier Frauen, die gemeinsam den Jungesellinnenabschied auf einer griechischen Insel feiern und von denen Sophie eine ist. Die Beziehungen zwischen ihnen sind keineswegs eindimensional, sondern geprägt von Zuneigung und Respekt, aber ebenso von Konkurrenz und Neid. Dadurch entstehen immer wieder Spannungen, und bis zum Ende hält die Geschichte einige Überraschungen bereit.
Nicht ganz so leichtgetan habe ich mich allerdings mit den Figuren an sich. Sophie war für mich keine wirkliche Sympathieträgerin. Vor allem ihr Verhalten rund um die Affäre, in die sie sich stürzt, empfand ich häufig als egoistisch. Sie trifft Entscheidungen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen zu nehmen, wobei mir die Beweggründe dafür teilweise nicht ausreichend vermittelt wurden. Auch zu den anderen Figuren konnte ich nicht immer eine richtige Nähe aufbauen. Sie blieben für mich stellenweise etwas auf Distanz, sodass ich ihre Gefühle und Handlungen nicht immer vollständig nachempfinden konnte. Das hat für mich leider verhindert, dass mich die Geschichte emotional erreicht hat.
Dafür konnte mich die sommerliche Atmosphäre umso mehr abholen. Die Insel, das Schwimmen im Meer, luftige Sommerkleider, lange Tage und diese besondere Leichtigkeit, die ein Sommer auf Griechenland verspricht – all das war für mich beim Lesen jederzeit spürbar. Und spätestens bei den Beschreibungen des griechischen Essens hatte ich große Lust, meine Koffer zu packen und selbst auf eine griechische Insel zu fliegen.
Mein Fazit:
Auch wenn Sonne, Meer, Sommerkleider und griechisches Essen zunächst nach klassischer Sommerlektüre klingen, ist dieses Buch für mich weit mehr als ein leichter Sommerroman. Dafür sorgen vor allem die kunstgeschichtlichen Einschübe, die der Geschichte eine besondere Tiefe geben und immer wieder zum Nachdenken und Weiterrecherchieren einladen. Die Verbindung von Kunst, Feminismus, Mutterschaft, weiblicher Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Rollen fand ich spannend und ungewöhnlich. Auch wenn ich zu den Figuren nicht immer die gewünschte Nähe entwickeln konnte, bleibt für mich ein klug konzipierter Roman, der sommerliches Griechenland-Flair mit interessanten kunstgeschichtlichen Einblicken verbindet – und damit gerade kein klassischer Sommerroman ist.