|Rezension| Menomorphosen – Jule Ronstedt
Verwandlungen in der Lebensmitte
„’Seien Sie achtsam mit sich’, hatte die Ärztin gesagt. ‘Gehen Sie in die Natur, ernähren Sie sich gesund, vermeiden Sie Stress.’ Das ist leicht gesagt. Mein Leben ist kein Wellnessurlaub, den ich im Preisausschreiben gewonnen habe, und meine Umzugskiste leider nicht die Mary-Poppins-Tasche, aus der ich alles hervorzaubern kann, was ich gerade bräuchte: Kohle, Spezialtherapien, Wohnungen mit Terrasse, Flugtickets zu meinem studierenden Sohn in Mailand oder einen neuen, hübschen Busen.“ (S.60f.)
Inhalt
Ob am Altkleidercontainer, in der Gynäkologinnenpraxis, im leergeräumten Kinderzimmer oder bei einem ersten Date: Die Frauen in Menomorphosen stehen mitten im Leben – und oft am Rand des Wahnsinns. Mit scharfem Blick, radikalem Humor und poetischer Wucht erzählen sie von Aufbrüchen und Abstürzen, der Abwesenheit von Sex, einem Übermaß an Gefühlen – und nicht zuletzt von der lust- und leidvollen Suche nach einem passenden Ich. Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Jule Ronstedt zeigt schonungslos, was passiert, wenn Frauen nicht verschwinden, sondern sichtbar bleiben – wütend, wild, witzig.
Mein Eindruck
Ovids “Metamorphosen”, mit denen mich unsere Lateinlehrerin vor rund 25 Jahren (OMG!) gequält hat, waren der Grund, warum ich auf Jule Ronstedts “Menomorphosen” aufmerksam wurde – denn wie gut ist bitte dieses Wortspiel im Titel? Frauen in der Mitte ihres Lebens unterliegen schließlich diversen Verwandlungen: manche leise, andere radikal. Genau davon erzählt dieses Buch.
Anders als der Titel zunächst vermuten lässt, geht es dabei gar nicht vorrangig um die klassischen Begleiterscheinungen der Menopause wie Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen oder das Ausbleiben der Periode. Stattdessen versammelt Jule Ronstedt 26 sehr unterschiedliche Geschichten über Frauen um die 50, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen. Es geht um Beziehungen, um Körper, um Selbstbilder, um Abschiede und Neuanfänge, kurz: um das Gefühl, dass sich etwas verschiebt, ohne dass man immer genau benennen kann, was es ist.
Ebenso originell wie der Titel ist die Gliederung des Buches. Jede Geschichte ist nach ihrer Protagonistin benannt, und diese folgen in alphabetischer Reihenfolge: von Annabelle bis Zoe. Diese Struktur verleiht dem Buch etwas Spielerisches und zugleich Systematisches – als würde man durch ein vielstimmiges Archiv weiblicher Lebensrealitäten blättern. Besonders gefallen hat mir, dass hier ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und -situationen Raum bekommen und eben nicht nur die „klassischen“ Menopausen-Themen im Vordergrund stehen. Wie bei Kurzgeschichten üblich, sprechen einen nicht alle Episoden gleichermaßen an, aber das ist auch gar nicht nötig. Gerade in ihrer Vielfalt zeigen die Geschichten, dass diese Lebensphase viele Gesichter hat und dass man mit den eigenen Fragen, Zweifeln und Veränderungen nicht allein ist. Ein Gefühl, das sich für viele Frauen dennoch einstellt, nicht zuletzt, weil über die Menopause noch immer zu wenig gesprochen wird und Betroffene von Ärzt:innen oft nicht ernst genommen werden. Umso schöner, dass allmählich ein Wandel spürbar ist. “Menomorphosen” ist Teil davon. Jule Ronstedt gibt der Menopause eine Bühne: offen, vielstimmig und ohne Tabus.
Der Schreibstil der Autorin ist dabei ausgesprochen angenehm. Mit Leichtigkeit und feinem Humor nimmt sie der Thematik den Schrecken, den man häufig mit ihr verbindet, ohne etwas zu beschönigen oder ins Lächerliche zu ziehen. Das macht die Lektüre zugänglich, ehrlich und stellenweise überraschend tröstlich.
Mein Fazit:
“Menomorphosen” ist ein kluges, warmherziges und unterhaltsames Buch über eine Lebensphase, die lange im Schatten stand. Jule Ronstedt zeigt, dass Wandel nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Neubestimmung und dass es sich lohnt, genau hinzusehen. Ein Buch, das ermutigt, verbindet und vor allem eines tut: das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein.