|Rezension| Und alle so still – Mareike Fallwickl

von | Mai 13, 2024 | 0 Kommentare

Definitiv Mareike Fallwickls provokantester Roman

Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 23,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 16.04.2024
Seiten: 368

„Sie hat nicht gewusst, dass es diese Art von Sehnen gibt. So groß, dass es eng verwandt ist mit Angst.“ (S.197)

Inhalt

An einem Sonntag im Juni gerät die Welt aus dem Takt: Frauen liegen auf der Straße. Reglos, in stillem Protest. Hier kreuzen sich die Wege von Elin, Nuri und Ruth. Elin, Anfang zwanzig, eine erfolgreiche Influencerin, der etwas zugestoßen ist, von dem sie nicht weiß, ob es Gewalt war. Nuri, neunzehn Jahre, der die Schule abgebrochen hat und versucht, sich als Fahrradkurier, Bettenschubser und Barkeeper über Wasser zu halten. Ruth, Mitte fünfzig, die als Pflegefachkraft im Krankenhaus arbeitet und deren Pflichtgefühl unerschöpflich scheint.

Es ist der Beginn einer Revolte, bei der Frauen nicht mehr das tun, was sie immer getan haben. Plötzlich steht alles infrage, worauf unser System fußt. Ergreifen Elin, Nuri und Ruth die Chance auf Veränderung?

Mein Eindruck

Als Mareike Fallwickl-Fangirl der ersten Stunde war “Und alle so still” für mich im Lesejahr 2024 Pflichtlektüre! Als ich das erste Mal den Klappentext las, war ich neugierig, aber ich ahnte schon, dass dieser Roman mich thematisch nicht so gefangen nehmen wird wie ihre bisherigen Romane, allen voran “Die Wut, die bleibt”, das für mich eins der besten Bücher ist und bleibt, das jemals geschrieben wurde.

Aber zurück zu “Und alle so still”. Kleiner Funfact zwischendurch: Eigentlich wollte ich die Besprechung zum Muttertag veröffentlichen, weil das thematisch natürlich hervorragend gepasst hätte. Aber ich war zu erschöpft. 

Und damit wären wir auch schon beim Thema von “Und alle so still” – ein Roman, der übrigens thematisch an “Die Wut, die bleibt” anknüpft, was aber nicht heißt, dass man diesen Roman vorher gelesen haben muss. Er dreht sich um die Frage, was passiert, wenn Frauen nicht mehr das tun, was sie immer tun: sich kümmern. Was passiert, wenn Frauen nicht mehr im Krankenhaus Patient:innen versorgen, wenn sie sich in Schulen und Kitas nicht mehr um Kinder kümmern und auch nicht mehr an der Kasse im Supermarkt sitzen? Mareike Fallwickl zeigt exemplarisch an drei heterogenen Figuren – unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Herkunft – und einem zentralen Ort, nämlich dem Krankenhaus wie unterschiedlich die Motivation für einen derartigen Streik bzw. die bewusste Entscheidung dagegen, sein kann. 

Dass die Autorin damit erneut die Bedeutung von Care-Arbeit in der Gesellschaft aufgreift, finde ich richtig und wichtig. Dies zeigt sich allein in der Tatsache, dass die katastrophalen Zustände in der Klinik, die im Roman beschrieben werden, keine Utopie sondern bereits Wirklichkeit sind. Wie eindringlich Ruths Nachtschichten in der Klinik beschrieben werden, ging mir stark an die Nieren, ebenso Nuris Alltag, der sich mit schrecklichen Jobs finanziell über Wasser halten muss. Überhaupt hat Mareike Fallwickl eine Gabe, die prekäre Lebenssituationen ihrer Figuren in einer Deutlichkeit  darzustellen, dass man deren schmerzhafte Erfahrungen – körperlich wie seelisch – beinahe selbst durchlebt. 

Dazu kommt ihr unbestrittenes Erzähltalent. Niemand schreibt so schöne Sätze wie Mareike Fallwickl. Scheinbar so einfach, so klar und mit einer solchen Wucht, dass einem – Achtung Floskel! – der Atem stockt. Mein liebstes Beispiel hierfür aus “Und alle so still” ist: “…morgens am Küchentisch zu sitzen mit dem Vater und der Mutter und dem Schweigen als dritte Person,…” (S. 118) Einfach großartig! Und ich könnte an dieser Stelle endlos weiter machen mit Zitaten aus dem Roman, die es wert sind, herausgeschrieben und in die Welt hinausgetragen zu werden. Aber ihr könnt ja auch einfach das Buch lesen.

Leider – und als Fangirl sage ich das nur sehr, sehr ungern – hat mich “Und alle so still” inhaltlich nicht so überzeugt wie die bisher erschienenen Romane der Autorin. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen war mir die Geschichte zu einseitig erzählt. Ich bekam den Eindruck, dass außer Nuri alle Männer Arschlöcher sind. Sie schlagen ihre Frauen, kümmern sich nicht um ihre Kinder, unterdrücken Frauen usw. Auch wenn wir alle wissen, dass das leider zur Realität vieler Frauen gehört, ist der Begriff “Care Arbeit” ja nicht für alle Männer ein Fremdwort. Nicht jeder Arzt schaut auf Pflegepersonal herab usw. Männer sind hier das Feindbild schlechthin, aber letztlich führt doch vor allem die Politik und Gesetzgebung (die zugegeben meistens von Männern gemacht wird) auch zur Erschöpfung von Frauen – im privaten und beruflichen Bereich. Und was ist den Frauen, die sich nicht solidarisieren, sondern die Frauen, die sich auflehnen, anklagen und verurteilen? Mir ist völlig klar, dass dies im Roman vielleicht so überspitzt gezeichnet wurde, um die Dramatik zu verdeutlichen, aber für mich war es stellenweise zu plakativ. 

Auch hat mich gestört, dass das Ende so offen war, dass die Frage “Was passiert, wenn Frauen nicht mehr das tun, was sie immer machen?” mit dem Roman eigentlich nicht beantwortet bzw. nicht zu Ende gedacht wird. Und überhaupt war ich unglücklich mit den Geschehnissen am Ende, das mir vor allem durch die Reaktion der betroffenen Personen zu radikal und damit zu weit weg von der Realität war. Ich muss mich an der Stelle leider etwas kryptisch ausdrücken, um nicht zu spoilern. 

 

Mein Fazit:

ch liebe an Mareike Fallwickl, dass sie in ihren Romanen immer den Finger in die Wunde legt und darin dann noch richtig rumrührt. Das macht sie auch in “Und alle so still”. Wieder einmal stellt sie ihr schriftstellerisches Können durch unzählige treffende und formschöne Formulierungen unter Beweis. Nur inhaltlich konnte sie mich dieses Mal nicht vollends überzeugen. Ich verstehe, dass Missstände aufgezeigt werden sollen, aber mit welcher Radikalität und mit welchen Stereotypen dies geschieht, war für mich zu viel.  

 
 
Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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