|Rezension| Haralds Mama – Johanna Frid
Nicht vom Cover abschrecken lassen!
„Ich fühlte irgendetwas. Ich wollte nicht wirklich wissen, was es war, weil ich Angst hatte, es könnte Hoffnung sein.“ (S.230)
Inhalt
Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte…
Mein Eindruck
Das Cover dieses Buches ist unheimlich scheußlich. Und ich verstehe es auch nicht wirklich. Zwar wird der Harald – der Mann, der im Fokus des Geschehens steht – von seiner Freundin der Leserschaft gegenüber als Golden Retriever bezeichnet, aber das auf dem Foto ist definitiv eine andere Hunderasse. Und doch weckt gerade diese Mischung aus schrägem Titel und irritierender Gestaltung Neugier. “Haralds Mama” klingt nach etwas Skurrilem, der Klappentext nach einem Kammerspiel auf einem kleinen schwedischen Flughafen. Und tatsächlich: Der Roman hält dieses Versprechen – zumindest zunächst – auf äußerst unterhaltsame Weise.
Der Einstieg ist grandios. In sarkastischem, schwarzhumorigem Ton schildert die namenlose Ich-Erzählerin, wie sie am Flughafen auf Haralds Mutter trifft, während sie eigentlich nur ihren Freund abholen will. Was folgt, ist ein bissiger, pointierter Schlagabtausch zwischen zwei Frauen, die einander vom ersten Moment an unsympathisch sind. Die Dialoge sitzen, die Gedanken der Erzählerin sind scharf, oft gemein, oft sehr komisch. Man spürt sofort: Hier prallen zwei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander – und irgendwo dazwischen steht Harald, der abwesend und doch im Zentrum des Geschehens ist.
Doch “Haralds Mama” bleibt nicht beim amüsanten Kammerspiel. Immer wieder streut der Roman Rückblenden ein, die Stück für Stück offenlegen, wie sich die Beziehungen zwischen Harald, seiner Freundin und seiner Mutter entwickelt haben. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Es geht um dysfunktionale Familienstrukturen, um Suchterkrankungen, um Neurodivergenz, um Medikamente und um eine Mutter, die nicht loslassen kann. Was anfangs wie eine bissige Komödie wirkt, entpuppt sich zunehmend als melancholische, teilweise bedrückende Geschichte über Abhängigkeiten und emotionale Verstrickungen.
Die Figuren sind sperrig, keine von ihnen sympathisch, aber trotz allem glaubwürdig in ihrer Unvollkommenheit. Die Sprache ist derb, die Gedanken der Protagonistin bissig und schwarzhumorig. Ihre bösen Gedanken teilt sie uns mit, gegenüber ihrer Schwiegermutter hält sie sich dann aber verbal doch zurück, so dass der Konflikt weiter schwelt, aber nicht entfacht wird. Damit erzeugt Johanna Frid eine durchaus spannende Atmosphäre. Insgesamt liegt aber schon eine tiefe Melancholie in der Geschichte, die ich so nicht erwartet habe. Durchweg amüsant ist “Haralds Mama” allein durch die schweren Themen keineswegs.
Eine Frage, die ich mir die ganze Zeit gestellt habe: Warum nennt die Ich-Erzählerin Haralds Mama “Haralds Mama” und nicht etwa “Haralds Mutter” oder beim Vornamen. Wenn ich meine Schwiegermutter nicht leiden könnte, würde ich sie mit Sicherheit nicht “Mama” nennen. Ich bin sicher, Johanna Frid hat diese Bezeichnung absichtlich gewählt. Aber warum?
Mein Fazit:
“Haralds Mama” ist ein Roman, der mit bissigen Dialogen beginnt und sich nach und nach als melancholische Studie über dysfunktionale Beziehungen und Abhängigkeiten entpuppt. Wenn man bereit ist, sich auf die Melancholie der Geschichte einzulassen, wird man mit einer skurrilen Geschichte und pointierten Dialogen belohnt.