|Rezension| Zurück zu ihr – Kai Wiesinger
Viel Roadtrip, wenig Gefühl
„Der Vater baute eine Brücke in seine pragmatische Welt, und tatsächlich war Jan erstmals bereit, dieser Einladung zu folgen.“ (S.210)
Inhalt
Mein Eindruck
Als ich den Klappentext von „Zurück zu ihr“ las, war ich sofort neugierig; erinnerte mich der Plot doch stark an “Man sieht sich” von Julia Karnick, einem meiner Lieblingsbücher aus 2024. Geschichten über verpasste Chancen, über das “Was wäre, wenn?” und Jugendlieben ziehen bei mir eigentlich immer.
Kai Wiesinger kannte ich bislang ausschließlich als Schauspieler (auch wenn er bereits zwei Sachbücher veröffentlicht hat). Entsprechend gespannt war ich, wie er sich als Romanautor schlägt und ob er dieser vielversprechenden Ausgangsidee gerecht werden kann.
Jan ist in seiner Ehe unzufrieden. Er und Svenja lieben ihre Kinder, funktionieren als Familie, doch als Paar haben sie sich über die Jahre auseinandergelebt. Eine Einladung zum Klassentreffen wirbelt alte Erinnerungen auf – vor allem an Anja, seine erste große Liebe, zu der er aber seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr hat. Auf dem abenteuerlichen Weg dorthin beginnt Jan, sein Leben zu hinterfragen: Wie gesund ist seine Ehe wirklich? Was empfindet er noch für seine Frau? Und wie wird es sein, Anja wiederzusehen?
Was nach einer emotional vielschichtigen Geschichte klingt, bleibt leider erstaunlich oberflächlich. Der Plot wirkt oft platt und stellenweise konstruiert – Stichwort: Autopanne auf der Autobahn. Überhaupt geht auf diesem Roadtrip so viel schief, dass es irgendwann schlicht unglaubwürdig wird. Dazu kommen zahlreiche banale Alltagsbeobachtungen, bei denen ich immer wieder dachte: “Das wird bestimmt noch wichtig.” Spoiler: Wird es nicht.
Mir fehlte die Tiefe. Ich erfahre nicht wirklich, warum Jan so sehr an seiner Jugendliebe hängt. Was machte Anja damals aus? Wie hat er sie geliebt? Und was genau empfindet er heute noch für Svenja? Statt einer echten emotionalen Auseinandersetzung liest man von schiefgelaufenen Reiseetappen, dicken Bäuchen und schwindendem Haupthaar auf dem Klassentreffen – wie originell.
Einzig die Gespräche zwischen Jan und seinem Vater haben mich berührt. Dort blitzt kurz etwas von der Ernsthaftigkeit und Emotionalität auf, die ich mir für den gesamten Roman gewünscht hätte.
Das Ende ist überraschend und versöhnt ein wenig mit der insgesamt doch sehr platten Story. Glaubwürdig wirkt es allerdings auch nicht.
Mein Fazit:
Eine starke Idee mit viel Potenzial, die leider zu wenig in die Tiefe geht und sich stattdessen in Belanglosigkeiten verliert. Schade, denn gerade bei diesem Thema wäre so viel mehr möglich gewesen.