|Rezension| Weißer Sommer – Eva Pramschüfer

von | Juni 4, 2026 | 0 Kommentare

Zwischen Nähe und Distanz…

Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Seiten: 272

„Was, wenn sie sich trennten? Was, wenn man nur eine Person im Leben so lieben kann? Vielleicht ist sie leer, jetzt, da sie alles für ihn gegeben hat, und jeder, der nach ihm kommt, würde in einen leeren Tank starren. Sie fragt sich, ob das Liebe ist oder nur Angst.“ (S.17)

Inhalt

Eigentlich lieben Alma und Théo einander. Ihre erste Begegnung fühlte sich an wie der Anfang von etwas Großem, die Zeit danach wie ein Versprechen. Und doch stehen sie jetzt zwischen zwei Wahrheiten: Sie lieben sich, und dennoch liegt ihre Beziehung in Trümmern. Wie erkennt man, ob man gemeinsam glücklich sein kann – oder glücklicher allein wäre? Auf der Suche nach Antworten verbringen die beiden noch einen Sommer in dem Haus von Almas Eltern in Frankreich und schwören, es erst zu verlassen, wenn sie Gewissheit haben: festhalten oder loslassen.

Mein Eindruck

Als ich mit “Weißer Sommer” begann, hatte ich aufgrund des Klappentextes eine ganz andere Geschichte vor Augen. Ich stellte mir ein deutlich älteres Paar vor, das bereits seit Jahrzehnten zusammen ist. Umso überraschter war ich, als sich herausstellte, dass Alma und Theo erst Mitte zwanzig sind und ihre Beziehung nach vier Jahren an einem Wendepunkt steht. Damit erzählt der Roman weniger von einer langjährigen Partnerschaft als vielmehr von den Herausforderungen einer ersten großen Liebe.

Der Einstieg ist ungewöhnlich: Zunächst kommt das Haus in Frankreich, in dem Alma und Theo noch einmal gemeinsam Urlaub machen, zu Wort und reflektiert über seine Bewohner. So originell diese Perspektive auch ist, wirkte sie auf mich etwas konstruiert, sodass ich zunächst Schwierigkeiten hatte, in die Geschichte hineinzufinden.

Eva Pramschüfer legt ihren Fokus weniger auf die äußere Handlung als auf die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren. Sie beschäftigt sich mit Erwartungen an Beziehungen, unterschiedlichen Lebensentwürfen und der Frage, wie sich Nähe und Freiheit in einer Beziehung miteinander vereinbaren lassen. Besonders beeindruckt hat mich dabei die Sprache. Sie ist von großer Feinheit und Genauigkeit geprägt und fängt selbst flüchtige Gedanken und Stimmungen ein. So faszinierend die Feinheit der Sprache ist, erfordert diese Art des Erzählens Geduld, denn die Handlung tritt häufig zugunsten von Reflexionen und Erinnerungen zurück.

Etwas schade fand ich, dass die Bedeutung des Titels bereits recht früh erklärt wird. Ich mag es, wenn sich solche Zusammenhänge erst nach und nach erschließen und nicht so deutlich hervorgehoben werden.

Außerdem hatte ich erwartet, dass der Roman stärker in der Gegenwart verankert ist – in jenem Sommer in Frankreich, in dem Alma und Theo ihre Beziehung hinterfragen. Tatsächlich nimmt jedoch die Vergangenheit und die Entwicklung ihrer Beziehung deutlich mehr Raum ein. Die Gedanken und Erinnerungen der Figuren sind nachvollziehbar, dennoch blieb meine emotionale Nähe zu ihnen begrenzt. Möglicherweise liegt das daran, dass der Roman stark rückwärtsgewandt erzählt wird. Vieles wird erinnert und reflektiert, während die Gegenwart und damit gerade jener entscheidende Sommer vergleichsweise wenig Raum erhält. Hier hätte ich mir mehr Intensität, mehr unmittelbare Konflikte und ein stärkeres Erleben des Moments gewünscht. 

Vielleicht lag meine emotionale Distanz zu den Figuren aber auch am geringen Identifikationspotenzial: Nicht nur altersmäßig liegen da einige Jahre dazwischen, auch dass beide Künstler – sie Malerin, er Bildhauer bzw. später Architekt – sind und sie kein Leben mit Geldsorgen kennt, ist weit weg von meiner Lebensrealität. Das kann man der Autorin natürlich nicht zum Vorwurf machen, sondern ist lediglich eine mögliche Erklärung dafür, warum “Weißer Sommer” mir zwar sprachlich unheimlich gut gefallen hat, die Geschichte mich aber nicht gecatcht hat.

Mein Fazit:

“Weißer Sommer” ist ein sprachlich eindrucksvoller Roman, der sich sensibel mit den Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen einer jungen Liebe auseinandersetzt. Wer charakterorientierte Geschichten schätzt und Freude an einer introspektiven Erzählweise hat, wird hier viel entdecken. Mich konnte der Roman vor allem auf sprachlicher Ebene überzeugen. Emotional blieb ich jedoch etwas auf Distanz, da die Gegenwart der Geschichte für meinen Geschmack zu oft hinter den Erinnerungen der Figuren zurücktrat.

 
Vielen Dank an Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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