|Rezension| Yesteryear – Caro Claire Burke
Von Sauerteig, Selbstbetrug und Social Media
„Ein Zuhause muss bewohnt aussehen, sonst will niemand darin wohnen. Vollkommen offensichtlich, wenn man mal kurz darüber nachdenkt, aber die meisten Menschen nehmen sich eben keine Zeit zum Nachdenken. Die meisten Menschen sind Vollidioten.“ (S.15)
Inhalt
Natalie Heller Mills hat alles: eine malerisch renovierte Farm, fünf Kinder, die um ihre Liebe buhlen, und einen Mann, der in Cowboystiefeln immerhin eine gute Figur abgibt. Vom Sauerteig bis zur Kindererziehung, nichts scheint ihr zu misslingen. Kein Wunder also, dass Millionen von Menschen ihr folgen, ihre Videos schauen, ihre Bilder anklicken. Sie gibt ihnen das, was sie wollen: eine heile Welt. Skandale werden unter den Teppich gekehrt, da, wo sie hingehören. Doch eines Tages wacht Natalie auf und sieht sich mit einer unbequemen Frage konfrontiert: Was wäre, wenn sie keine Nannys beschäftigen könnte, es keine helfenden Hände auf der Farm gäbe, kein Produktionsteam? Was wäre, wenn sie auf einmal das Leben führen müsste, das sie immer vorgetäuscht hat?
Mein Eindruck
“Yesteryear” ist bereits der zweite Roman über die Tradwife-Thematik, den ich innerhalb eines Jahres gelesen habe. Während in “Heimat” von Hannah Lühmann eine deutsche Frau im Mittelpunkt steht, richtet Caro Claire Burke den Blick auf die amerikanische Variante dieses Lebensmodells. Die Grundidee besitzt großes Potenzial, und besonders auf den ersten Seiten gelingt es der Autorin, einen starken Sog zu erzeugen.
Im Zentrum steht Natalie, die sich als erfolgreiche Tradwife-Influencerin ein regelrechtes Imperium aufgebaut hat. Burke zeichnet eindrücklich nach, wie Natalie durch geschickte Selbstvermarktung und Manipulation ihres Umfelds ihre Reichweite vergrößert und dabei nach außen stets das Bild der perfekten (christlichen) Ehefrau aufrechterhält. Vor allem ihre Überheblichkeit gegenüber ihrem Ehemann Caleb, der für sie eigentlich nur Mittel zum Zweck ist, wird dabei wieder betont.
Besonders interessant fand ich die Einblicke hinter die Kulissen der Social-Media-Welt. Burke zeigt wie sorgfältig Bilder und Narrative konstruiert werden und wie groß die Diskrepanz zwischen Inszenierung und Realität sein kann. Viele Szenen sind bewusst überspitzt dargestellt, treffen aber dennoch einen wahren Kern. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht allein auf die Tradwife-Problematik, sondern greift auch Themen wie Verschwörungstheorien, die Manosphäre, Feminismus und die konservative Politik der USA auf.
Der Schreibstil ist präzise, flüssig und angenehm lesbar. Die oft kurzen Sätze verleihen der Geschichte Tempo, während der zynische Unterton für einige gelungene, schwarzhumorige Momente sorgt. Besonders amüsant fand ich, wie sich Natalie in ihren Gedanken regelmäßig halbherzig bei Gott entschuldigt, wenn sie innerlich flucht.
Im Vergleich zu Jana aus “Heimat” fällt jedoch auf, dass Natalie nahezu ausschließlich negativ gezeichnet wird. Während Hannah Lühmann bei ihrer Protagonistin immer wieder Zweifel an ihrer Rolle erkennen ließ und dadurch zumindest ansatzweise Verständnis und Mitgefühl weckte, erscheint Natalie durchgehend kaltherzig, berechnend und unsympathisch. Das macht sie zwar zu einer interessanten Figur, erschwert aber die emotionale Bindung an die Geschichte.
Wirklich enttäuscht hat mich das Ende. Die Auflösung, warum Natalie plötzlich in einem anderen Leben aufwacht, wirkte auf mich konstruiert und wenig glaubwürdig. Existentielle Erklärungen werden innerhalb weniger Seiten abgehandelt, wodurch Logik und Nachvollziehbarkeit auf der Strecke bleiben. Zudem bleiben einige Fragen unbeantwortet, was bei mir eher Frustration als Nachdenklichkeit ausgelöst hat.
Positiv erwähnen muss ich aber noch die Gestaltung des Buches. Der transparente Schutzumschlag gibt den Blick auf den kunstvoll gestalteten Einband frei und macht das Buch zu einem echten Hingucker.
Mein Fazit:
“Yesteryear” bietet spannende Einblicke in die Welt der Tradwife-Influencerinnen und entlarvt gekonnt die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität. Besonders die Gesellschaftskritik und die Darstellung der Social-Media-Mechanismen machen den Roman lesenswert. Allerdings bleibt die Hauptfigur durch ihre eindimensionale, überspitzte Zeichnung auf Distanz und das wenig überzeugende Ende schmälert den insgesamt positiven Eindruck. Trotz dieser Schwächen ist es ein unterhaltsamer, schwarzhumoriger Roman, der einige aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgreift und zum Nachdenken anregt.