|Rezension| Yellowface – Rebecca F. Kuang

von | Apr 24, 2024 | 0 Kommentare

Spannender als jeder Krimi

Verlag: Eichborn
Originaltitel: Yellowface
Übersetzung: Jasmin Humburg
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 23,99 Euro
Erscheinungsdatum: 29.02.2024
Seiten: 384

„Jedes Buch, das nicht zum Klassiker wird, hat eine bestimmte Lebensdauer.“ (S.229)

Inhalt

June Hayward und Athena Liu könnten beide aufstrebende Stars der Literaturszene sein. Doch während die chinesisch-amerikanische Autorin Athena für ihre Romane gefeiert wird, fristet June ein Dasein im Abseits. Niemand interessiert sich für Geschichten “ganz normaler” weißer Mädchen, so sieht es June zumindest. Als June Zeugin wird, wie Athena bei einem Unfall stirbt, stiehlt sie im Affekt Athenas neuestes, gerade vollendetes Manuskript, einen Roman über die Heldentaten chinesischer Arbeiter während des Ersten Weltkriegs. June überarbeitet das Werk und veröffentlicht es unter ihrem neuen Künstlernamen Juniper Song. Denn verdient es dieses Stück Geschichte nicht, erzählt zu werden, und zwar egal von wem? Aber nun muss June ihr Geheimnis hüten. Und herausfinden, wie weit sie dafür gehen will.

Mein Eindruck

Zunächst muss ich den Eichborn Verlag für sein großartiges Marketing danken, das dazu geführt hat, dass ich mich “Yellowface” nicht entziehen konnte. Nach der Lektüre kann ich guten Gewissens behaupten: Der Hype um dieses Buch ist gerechtfertig, denn es ist auf so vielen Ebenen besonders.

Fangen wir beim Plot an: June, eine recht erfolglose Schriftstellerin macht sich nach dem Tod einer Bestsellerautorin deren unveröffentlichtes Manuskript zu eigen und gibt es als ihres aus. Damit hat sie ihren großen Durchbruch und wird von allen gefeiert. Man ahnt schon: Das kann nicht gut ausgehen! Der Plot erinnerte mich an “Lila, lila” von Martin Suter. Er scheint also im ersten Moment nicht besonders originell zu sein. Über alle Maßen originell ist aber, was die Autorin daraus macht. Denn aufgrund der Tatsache, dass Athena, die tote Bestseller-Autorin, asiatischer Herkunft war, Jupiter aber weiß ist, wird hier eine Debatte angestoßen, die beinahe ad absurdum geführt wird. Bleibt man als Autor:in in seiner Ethnie und thematisiert ausschließlich deren Lebenswelt, gilt man schnell als rassistisch. Schreibt man aber über eine “fremde” Ethnie, wird einem wiederum kulturelle Aneignung vorgeworfen. Kann man es überhaupt richtig machen? Welche Rolle spielen soziale Medien in der Meinungsbildung über derartige Themen? Wie fängt ein Shitstorm an und wie hört er wieder auf? 

Rebecca F. Kuang seziert nicht nur die Macht der sozialen Medien, sondern auch den Literaturbetrieb. In welchem Verhältnis stehen Autor:in, Agent:in und Verlag? Wie wird ein Buch zum Bestseller? Welche Marketingmaßnahmen sind dafür nötig? Wie fühlt man sich, wenn man quasi über Nacht berühmt ist? Wie fühlt man sich, wenn die Berühmtheit plötzlich auch Anfeindungen mit sich bringt? All diesen Fragen widmet sich die Autorin – die natürlich aufgrund ihres Berufes bestens weiß, worüber sie schreibt, mit einer faszinierenden Akribie. Die “Time” beschreibt Yellowface” mit dem Begriff “Rasiermesserscharf!” und tatsächlich trifft das den Ton des Romans ganz hervorragend. 

Rebecca F. Kuang beschreibt in ihrem Buch wie weit ein Mensch geht, um nicht mehr das eigene Leben ertragen zu müssen und stattdessen ein (vermeintlich) besseres Leben zu leben. June ist eifersüchtig auf die erfolgreiche Athena und möchte genauso erfolgreich sein – koste es, was es wolle. Indem sie ihr Manuskript als ihr eigenes ausgibt, erreicht sie dieses Ziel – aber zu welchem Preis? Damit ihre Lüge nicht auffliegt, überschreitet sie nicht nur eine Grenze. Realität und Illusion verschmelzen miteinander. Als Leser verfolgt man das Ganze mit Spannung, reißt das ein oder andere Mal die Augen auf vor Entsetzen und Verstörung oder will gar nicht weiterlesen, weil man merkt, dass die Abwärtsspirale der Protagonistin unaufhaltbar ist. 

Durch ihren direkten Erzählstil, der viel wörtliche Rede und Auszüge aus Beiträgen in Sozialen Medien enthält, entwickelt der Plot zusätzlich eine soghafte Wirkung. Der schwarze Humor, der bereits durch die Gestaltung des Covers bestens zum Ausdruck gebracht wird, rundet das Leseerlebnis von “Yellowface” ab.

Mein Fazit:

“Yellowface” ist eine einzigartige, spannende und herausfordernde Lektüre, die durch ihren schwarzen Humor und den direkten Erzählstil nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken über wichtige gesellschaftliche Themen wie Rassimus und die Macht der sozialen Medien anregt. “Yellowface” ist ein Roman, den man vor allem aufgrund seines gelungenen, fast schon thrillerartigen Endes nicht mehr vergisst.

 
Vielen Dank an den Eichborn Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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