|Rezension| Herz König – Lily King
Ein Jahreshighlight!
„’Das ist das Leben für dich, eine Tragödie?’ – ‘Selbstverständlich ist es eine Tragödie. Eine ziemlich lächerliche noch dazu, ebenso absurd wie verzweifelt.’“ (S.71)
Inhalt
Sie studiert Literatur, sie weiß, wie gute Liebesgeschichten funktionieren – Geheimnisse, Höhen, Tiefen. Doch die größte Liebesgeschichte hat sie selbst erlebt, und die folgt keinen Regeln. Im letzten Jahr ihres Studiums begegnet sie den beiden hochbegabten Studenten Sam und Yash, die sie in eine berauschende Welt aus Büchern, rasanten Wortgefechten und ausgelassenen Kartenspielen entführen. Es entsteht eine tiefe Freundschaft, die zwischen Liebe und gefährlicher Anziehung ins Wanken gerät. Jahrzehnte später ist sie eine erfolgreiche Schriftstellerin und führt mit ihrem Mann und den beiden Kindern ein gutes Leben – bis ein unerwarteter Besuch sie zurück in die Vergangenheit führt und sie zwingt, sich den folgenreichen Entscheidungen ihrer Jugend zu stellen.
Mein Eindruck
Bisher habe ich alle ins Deutsche übersetzten Romane von Lily King gelesen. “Euphoria” und “Vater des Regens” gehören bis heute zu meinen Favoriten, “Writers & Lovers” und “Hotel Seattle” haben mir ebenfalls gut gefallen. Entsprechend gespannt war ich auf “Herz König”. Das Cover hätte mich allerdings kaum zum Buch greifen lassen. Wäre Lily Kings Name nicht darauf gestanden, hätte ich den Roman vermutlich links liegen gelassen. Umso mehr hat mich der Klappentext angesprochen, der genau die Art von Geschichte versprach, die Lily King so gut erzählen kann.
Der Einstieg fiel mir zunächst nicht leicht. Ich brauchte etwas Zeit, um in das Setting und die Figuren hineinzufinden. Doch irgendwann machte es Klick und von diesem Moment an konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich habe Lily Kings neuesten Roman schließlich an einem einzigen Tag beendet.
Lily King erzählt keine kitschige Liebesgeschichte, sondern einen Roman über die erste große Liebe, Freundschaft, Verlust und Reue. Vor allem aber erzählt sie davon, wie Menschen unser Leben prägen können, selbst wenn sie nur für kurze Zeit Teil davon waren. Es geht um Sehnsucht, Erinnerung; Vergebung und die Frage, welche Wege unser Leben genommen hätte, wenn wir uns an bestimmten Punkten anders entschieden hätten. Gleichzeitig ist “Herz König” auch eine Liebeserklärung an die Literatur und an die Menschen, die durch Literatur zueinanderfinden.
Besonders beeindruckt hat mich die Ich-Erzählerin Jordan. Sie ist klug, witzig, selbstironisch und unglaublich lebendig. Lily King begleitet sie über mehrere Jahrzehnte und lässt sie auf faszinierende Weise älter werden, ohne dass sie ihren Wesenskern verliert. Dadurch fühlt sich Jordan nie wie eine Romanfigur an, sondern wie ein Mensch, den man über viele Jahre hinweg begleitet. Ich fände es sehr spannend, zu erfahren, inwieweit dieses Buch autobiografisch geprägt ist, denn die Parallelen zwischen der Hauptfigur und der Autorin sind offensichtlich: Beide haben Literarisches Schreiben studiert, sind später erfolgreiche Autorinnen und leben mit ihrer Familie in Maine…
Was Lily King für mich so besonders macht, ist ihre Fähigkeit, große Gefühle zu erzählen, ohne jemals ins Pathetische oder Kitschige abzurutschen. Mit einer klaren, präzisen Sprache schreibt sie über Liebe, Freundschaft und verpasste Möglichkeiten und trifft dabei immer den richtigen Ton. (“Das Gefühl erwischt mich unerwartet. Oh. Liebe.” S.59) Der Roman ist intelligent, zutiefst bewegend und zugleich voller leiser Hoffnung. Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sage: “Herz König” ist für mich Lily Kings bester Roman.
Und dann dieses Ende. Dass mich ein Buch berührt oder mir die Tränen in die Augen treibt, kommt immer wieder vor. Aber dass ich beim Lesen wirklich weine, passiert nur äußerst selten. “Herz König” hat genau das geschafft. Die letzten Seiten haben mich völlig überwältigt und lange nicht mehr losgelassen.
Mein Fazit:
“Herz König” ist ein emotional überwältigender, literarisch anspruchsvoller und zugleich erstaunlich zugänglicher Roman. Lily King erzählt von der ersten großen Liebe, von den Menschen, die uns ein Leben lang begleiten, und von den Erinnerungen, die nie ganz verblassen. Es ist eine Geschichte über das, was hätte sein können und darüber, wie sehr uns gerade diese Gedanken prägen. Ein kluger, herzzerreißender und zugleich hoffnungsvoller Roman, der für mich zu den schönsten Büchern des Jahres gehört.