|Rezension| Alle glücklich – Kira Mohn
Das lauteste Drama ist das Ungesagte
„Sie wünschte, sie wären eine Familie, die abends gerne gemeinsam am Tisch saß. Vier Menschen, die sich unterhielten, lachten und Probleme aus der Welt schafften.“ (S.50)
Inhalt
Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.
Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?
Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.
Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!
Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf.
Mein Eindruck
Dass jemand, der traurige Bücher liebt, ausgerechnet zu einem Roman mit dem Titel “Alle glücklich” greift, spricht zunächst einmal für das treffsichere Marketing von HarperCollins. Doch ein Blick auf das Cover – eine Frau, allein am Tisch, der Blick nach draußen gerichtet – verrät schnell: Hier stimmt etwas nicht. Und genau darin liegt der Reiz. Denn natürlich sind in diesem Buch längst nicht alle glücklich. Also genau mein Beuteschema.
“Alle glücklich” ist mein erster Roman von Kira Mohn, auch wenn “Die Nacht der Bärin” schon seit Längerem auf meiner Wunschliste steht. In ihrem aktuellen Buch erzählt sie von einer vierköpfigen Familie: Vater, Mutter, eine Teenager-Tochter und ein Sohn im Studium. Nach außen wirkt vieles geordnet, fast schon vorbildlich, doch unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Jeder der vier trägt eigene Sorgen, Sehnsüchte und Unzufriedenheiten mit sich herum, ohne sie wirklich zu teilen. Kommunikation findet statt, aber nur an der Oberfläche.
Besonders gelungen ist der Perspektivwechsel, der allen Figuren abwechselnd Raum gibt. Dadurch entsteht eine unterschwellige Spannung: Als Leser:in weiß man mehr als die Figuren selbst, erkennt Missverständnisse, unausgesprochene Konflikte und die feinen Risse im Gefüge dieser Familie. Kira Mohn zeigt eindrücklich, wie wenig es manchmal braucht, damit ein ganzes Gefüge kippt. Keine großen Dramen, keine spektakulären Wendungen, sondern kleine Sätze, falsche Entscheidungen, verpasste Chancen. Und plötzlich ist da ein Riss, der sich nicht mehr schließen lässt.
Und genau das wollte ich ständig: sie anschreien. Wirklich. Redet doch endlich miteinander! Hört euch zu! Sagt, was los ist! Stattdessen: Schweigen, Ausweichen, falsche Rücksicht. Gerade die Dynamik zwischen Eltern und Kindern hat mich dabei besonders getroffen, weil sie sich so echt anfühlt. Dieses leise Scheitern an Kommunikation, dieses ständige Verpassen des richtigen Moments – das geht unangenehm nah.
Das Finale ist dramatisch und lässt bewusst nicht alle Fäden zusammenlaufen. Das passt zur Geschichte, weil es die Unsicherheit und Zerrissenheit der Figuren konsequent weiterträgt. Gleichzeitig bleibt damit Raum für eine Fortsetzung, die zeigt, wie es mit dieser Familie weitergeht. Ich würde sie auf jeden Fall lesen.
Mein Fazit:
“Alle glücklich” ist ein emotionaler, fein beobachteter Roman über das langsame Auseinanderdriften einer Familie. Kira Mohn legt damit schonungslos offen, wie viel Ungesagtes in scheinbar funktionierenden Beziehungen steckt und wie gefährlich genau dieses Schweigen werden kann. Ich möchte nun unbedingt “Die Nacht der Bärin” lesen!