|Rezension| Das Licht und die Geräusche – Jan Schomburg

von | Mrz 10, 2017 | 0 Kommentare

Ein kluger Roman über Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden

Verlag: dtv
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 10.03.2017
Seiten: 256

„Das ist so die Art von Zufall, die zu wenig Sinn ergibt, um die Dinge irgendwie klarer zu machen, und aber gleichzeitig auch zu viel Sinn, als dass man es komplett ignorieren könnte.“ (S.162)

Worum geht´s?

Klar, eigentlich ist Boris mit Ana-Clara aus Portugal zusammen, aber seit er neu in die Klasse gekommen ist, hängen Johanna und er nur noch zusammen und reden über alles außer die Frage, warum sie sich noch nicht geküsst haben. Johanna versteht das nicht, und das nervt sie. Sie will aber auch verstehen, warum Marcel sich auf der Klassenfahrt nach Barcelona einen Mitschüler wie einen Knecht gehalten hat, warum Boris die ganze Zeit nur kichert, während ihn vier seltsame Typen auf der Tanzfläche eines Clubs zusammenschlagen wollen und warum er nach dieser Nacht am See plötzlich verschwunden ist. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris’ Eltern sucht Johanna in Island nach Boris und findet heraus, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Und dass Ana-Claras Augen doch nicht so ausdruckslos sind, wie sie immer gedacht hat.

Man folgt Johanna und ihrer unverstellt ehrlichen Sicht auf sich und ihre Umwelt voller Empathie und Zuneigung. Pointiert, mit zartem Witz und dem sicheren Gespür für die Leichtigkeit in schweren Themen erzählt Jan Schomburg von drei jungen Menschen und ihren Versuchen zu erkennen, wie das eigentlich überhaupt gehen soll: leben.

Cover und Titel

Das Cover von “Das Licht und die Geräusche” ist mir in der dtv-Programmvorschau sofort ins Auge gestochen. Zum einen war es die Fotografie der Rückansicht eines Fraukopfs mit (angenehm unordentlichen) Zopf von hinten, die mich aufgrund der schlichten Eleganz sofort angesprochen hat. Zum anderen war es der kryptische Titel “Das Licht und die Geräusche”, der sich in meinem Kopf mit dem Cover irgendwie so gar nicht vereinbaren ließ.
Insgesamt halte ich dieses Cover für eines der schönsten aus dem Frühjahrsprogrammen des Verlages, so dass es im Bücherregal einen Ehrenplatz bekommt.

Mein Eindruck

Liest man die ersten Seite von “Das Licht und die Geräusche” wird schnell klar: Dies ist kein gewöhnlicher Roman. Erzählt wird aus der Perspektive eines Mädchens (etwa 17 Jahre alt). Der Erzählstil ist dementsprechend angepasst: Es gibt keine über 10 Zeilen reichende Schachtelsätze, sondern eine eher nüchterne, unverstellte Sprache, die die Gedanken einer Jugendlichen sehr präzise in Worte fasst. Johanna, so heißt die Protagonistin, ist nicht die klassische Sympathieträgerin. Sie ist alles andere als everybodys darling, aber auch keine typische jugendliche Rebellin. Und genau das macht sie so interessant. Ohne Rücksicht auf bestimmte gesellschaftliche Normen beschreibt und hinterfragt sie ihre Umwelt und Gefühle, ist dabei manchmal naiv, ziemlich oft witzig, aber stets entwaffnend ehrlich. Als Leser schließt man sie und ihre Verletzlichkeit sofort ins Herz, erkennt sich und die eigene Jugend wieder, möchte ihre Freundin sein. Ihre Gefühle für ihren besten Freund Boris versucht sie immer wieder neu zu definieren, ebenso ihre Haltung gegenüber dessen portugiesischer Freundin Ana-Clara, die anfangs so verschlossen und unsympathisch ist bis sich plötzlich alles ändert.

 

Was in meinen Augen einen guten Roman ausmacht, ist neben einem guten Erzählstil auch seine Unvorhersehbarkeit. In “Das Licht und die Geräusche” hatte ich etwa bis zur Hälfte des Buches keine Ahnung, worauf die Geschichte hinausläuft. Das hat mich zum Teil etwas verunsichert, aber allen voran natürlich neugierig gemacht. Wieso ist dieser Roman über die Freundschaft dreier Jugendlicher der Spitzentitel eines Verlages? Was ist seine Besonderheit? Nun, diese begründet sich zum einen in Jan Schomburgs Talent, ernsthaften Themen durch einen unprätentiösen Erzählstil die Schwere zu nehmen und zum anderen in seinen vielschichtigen Charakteren, die nie nur schwarz oder weiß sind, die Fehler machen, die Dinge sagen, die man lieber nicht sagen sollte und die letztlich alle drei nur auf der Suche sind nach ihrem Platz in der Welt.

 

Durch die unverstellte Sprache, das unaufgeregte Erzählen und die ehrlichen Charaktere liest sich dieser Roman manchmal wie das Tagebuch einer Jugendlichen. Nie habe ich am Gelesenen gezweifelt oder Geschehnisse in Frage gestellt. Die Geschichte wirkt so erfrischend unkonstruiert und ist dennoch dramaturgisch auf höchstem Niveau. Nicht nur einmal dachte ich “Das kann doch jetzt nicht sein!”, weil der Autor einmal mehr alles auf den Kopf gestellt hat. Aber ist so nicht genau unsere eigene Jugend verlaufen? Mit unzähligen überraschenden Wendungen, ob klein oder groß. Diese sind es letztlich, die uns geformt haben und dabei halfen unseren Weg zu finden.

Mein Fazit:

In seinem Debütroman “Das Licht und die Geräusche” erzählt Jan Schomburg angenehm unaufgeregten leisen Tönen und einer unverstellten Sprache von drei Freunden und ihrer Beziehung zueinander, von moralischen Dilemmata und scheinbar ausweglosen Situationen. Seine diferenzierten Charaktere und der dramaturgische Aufbau machen diesen Roman zu einem nachhaltig eindrucksvollen Leseerlebnis. Ganz klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an dtv für dieses Rezensionsexemplar.
 Neugierig geworden? Hier gibts noch weitere Infos zum Buch.
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