|Rezension| Der gefährlichste Ort der Welt – Lindsey Lee Johnson

von | Nov 18, 2017 | 2 Kommentare

Überraschend gut komponierter (Jugend-)Roman, der im Kopf bleibt

Verlag: dtv
Originaltitel: The most dangerous place on earth
Übersetzung: Kathrin Razum
Gebundene Ausgabe: 21,00 Euro
Ebook: 16,99 Euro
Erscheinungsdatum: 13.10.2017
Seiten: 304

„Sie konnten nicht vergessen, dass diese Welt für sie geschaffen worden war, dass sie in dieses perfekte Nest hineingeboren worden waren, und trotzdem hatten sie darauf bestanden, unglücklich zu sein. Hatten auf dem Dunkel beharrt.“ (S.295)

Worum geht´s?

Als Tristan Bloch eines Morgens auf sein Fahrrad steigt und losradelt, auf die Golden Gate Bridge zu, den heißen, schweißnassen Kopf gesenkt, da ahnen wir schon, dass ihn der Verrat seiner Angebeteten, Calista, vernichtet hat. Sein Liebesbrief wurde auf Facebook gepostet, und das war ihre Schuld.

Fünf Jahre später: Kurz nach dem dramatischen Ende einer Abschlussparty betrachtet Calista, Tristans erste und letzte große Liebe, in dem Versuch, die Ereignisse zu begreifen, ein altes Klassenfoto – Tristan, lachend, in seinen unmöglichen grellgelben Trainingshosen, der sanfte Dave Chu, der durchtriebene Ryan Harbinger, Baseball-Captain und Schwarm aller Mädchen, Abigail Cress, damals noch Calistas beste Freundin, die später mit einem Lehrer anbandelte, und all die anderen, die mit dem Leben und der Liebe gespielt hatten. Ihre fröhlichen Gesichter täuschen. »Sie taten, was sie konnten, um zu überleben.«

Für einen von ihnen war Mill Valley, das verträumte reiche Städtchen über der Bucht von San Francisco, ein vermeintliches Paradies, zur Hölle geworden. Und sie, die zurückblieben, waren vom Leben gezeichnet, noch bevor es richtig begonnen hatte.

Lindsey Lee Johnson leuchtet »den gefährlichsten Ort der Welt« aus den verschiedenen Perspektiven ihrer Figuren aus und entlarvt den amerikanischen Traum als die Illusion einer Gesellschaft, die ihrer inneren Leere zu entkommen sucht.

Cover und Titel

Das Cover dieses Buches passt auf den ersten Blick so gar nicht zum Titel. Genau deshalb wurde ich neugierig. “Der gefährlichste Ort der Welt” klingt wie ein Thriller über ein mexikanisches Drogenkartell, das Cover lässt aber eher ein Jugendbuch vermuten. Während letzteres zumindest teilweise stimmt (mehr dazu später), ist die Sache mit dem Titel schon etwas schwieriger. Mill Valley – so heißt dieser gefährlichste Ort der Welt – ist nämlich statistisch gesehen einer der sichersten Orte der Welt. Was macht dieses friedliche Plätzchen also so gefährlich? Damit ist die Neugier auf den Roman geweckt und es lässt sich konstatieren, dass der Verlag in Sachen Marketing alles richtig gemacht hat. 🙂

Mein Eindruck

Romane mit jugendlichen Protagonisten, die aber nicht ausdrücklich aus Jugendroman deklariert sind, haben schon immer eine Sogwirkung auf mich. Zuletzt hatte mich Jan Schombusch mit “Das Licht und die Geräusche”, ebenfalls bei dtv erschienen, mit seinem klugen Roman über Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden begeistern. Nun scheint es, als würde Lindsey Lee Johnson ein amerikanisches Pendant liefern.

Ohne große Umschweife wird der Leser gleich zu Beginn in die Welt der Mill Valley Middle School geworfen, in welcher der Außenseiter Tristan sich traut, seiner Angebeteten in einem Liebesbrief seine Gefühle zu offenbaren, nicht ahnend, dass dieser mutige Schritt, nicht nur sein Leben, sondern auch das aller anderen Beteiligten für immer verändern wird. Damit bietet sich dem Vielleser eine Ausgangslage, die für einen Jugendroman – gelinde gesagt – nicht untypisch ist. Aber ist “Der gefährlichste Ort der Welt” überhaupt ein Jugendroman? Vom Verlag wird er als Gegenwartsliteratur eingestuft und das meiner Meinung nach völlig zurecht. Zwar ist diese Geschichte eine über die Jugend, aber eben nicht (ausschließlich) für ein jugendliches Publikum. Zweifelsohne kann er auch von Jugendlichen gelesen werden. Johnsons Sprache ist ruhig, klar und leicht verständlich, auf das Wesentliche beschränkt. Poetische Formulierungen oder originelle Metaphern wird man hier vergebens suchen. Und trotzdem ist offensichtlich, dass sich Johnson an eine erwachsene Leserschaft richtet. Es ist nicht nur die Komposition des gesamten Romans – wie sie jeder Figur ihre eigene Stimme gibt, sie nach und nach fast unbemerkt miteinander verknüpft, sondern auch wie sie Ungesagtem eine Bedeutung schenkt, die ein jugendlicher Leser vielleicht übersieht und die den Roman für den erwachsenen Leser besonders reizvoll macht.

Lindsey Lee Johnson thematisiert in ihrem Debüt auf sehr sensible Art genau die Probleme, mit denen Jugendliche heutzutage zu kämpfen haben: Das sind zum einen klassische Probleme, die es schon seit Menschengedenken gibt, wie unerwiderte Liebe oder ein zerrüttetes Elternhaus, aber eben auch “moderne” Probleme wie Cybermobbing und Drogenkonsum. Dabei behält sie stets eine gewisse Distanz zu ihren Protagonisten, bleibt wertfrei und überlässt dem so Leser genügend Raum, sich seine eigene Meinung zu bilden.

Besonders beeindruckt hat mich wie gut Johnson den Zeitgeist der Jugend einfängt ohne auf Klischees zurückgreifen zu müssen. Ihre feinsinnige Beobachtungsgabe macht den Reiz dieses Romans, der zwar ruhig erzählt, aber dennoch bis zuletzt spannend ist, aus. Während des Lesens wird man unweigerlich gezwungen, über die eigene Jugend und die damit verbundenen kleinen und großen Probleme nachzudenken, überlegt wie man selbst in einer der geschilderten Situationen gehandelt hätte bzw. welche Konsequenzen bestimmte Handlungen wohl nach sich gezogen hätten.

Mein Fazit:

“Der gefährlichste Ort der Welt” ist ein lesenswertes, nachdenklich stimmendes Portrait der heutigen Jugend, das gänzlich auf Klischees verzichtet, stattdessen durch eine präzise Beobachtungsgabe der Autorin und stimmige Figuren überzeugt. Sprachlich ist der Roman kein Meisterwerk, aber punktet dafür mit einem perfekt konstruierten, spannenden Plot und viel Tiefgang. Ein Buch, das nachwirkt und definitiv seine Daseinsberechtigung in den Bücherregalen der Welt hat.

 

Vielen Dank an dtv für dieses Rezensionsexemplar.
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