|Rezension| Eine Liebe ohne Sommer – Timothy Paul
Von der Unmöglichkeit, einen Menschen ganz zu kennen…
„Aber für mich war trösten immer schon wie kitzeln. Es klappt nicht, wenn man’s bei sich selbst macht.“ (S.73)
Inhalt
Ein verregneter Tag, eine zufällige Begegnung: Als Rosa vor Nikolas steht, macht ihr Herz den ersten von vielen Sprüngen. Zwischen dem humorvollen Mann mit den perfekten Haaren und ihr funkt es gewaltig; sollte es da stören, dass er sie trotz großer Innigkeit nie seinen Freunden vorstellt? Doch dann stirbt Nikolas bei einem Unfall – und lässt Rosa mit zwei Fragen zurück: Was war das zwischen ihnen, und hat sie ihn überhaupt richtig gekannt? Auf der Suche nach Antworten trifft sie seine Exfreundin, seinen besten Freund, der überraschend feindselig ist, und ein Kind mit dem Charme einer Naturgewalt. So lernt Rosa eine neue Seite von Nikolas kennen: eine, die sie hätte lieben können?
Mein Eindruck
Wer den Klappentext von “Eine Liebe ohne Sommer” liest, weiß von Anfang an, dass Nikolas bei einem Unfall sterben wird. Gerade deshalb hat mich der Aufbau des Debütromans von Timothy Paul überrascht. Statt unmittelbar mit diesem einschneidenden Ereignis einzusetzen, nimmt er sich zunächst Zeit für das Kennenlernen von Rosa und Nikolas. Über fast 200 Seiten begleitet er die vorsichtige Annäherung zweier Menschen, die sich ineinander verlieben, sich gleichzeitig aber nie ganz sicher sind, was sie füreinander bedeuten. Von Beginn an liegt dabei ein leiser Schatten über der Geschichte, denn als Leser weiß man längst, worauf alles hinausläuft.
Als Nikolas schließlich bei einem Unfall stirbt, fällt dieser Moment überraschend kurz aus. Doch genau darin liegt die Stärke des Romans. Timothy Paul interessiert sich weniger für den Unfall selbst als für das, was danach bleibt. Er erzählt von den Geheimnissen, die Menschen selbst in einer Liebesbeziehung voreinander bewahren, und stellt Fragen danach was eigentlich eine Liebe definiert und wie gut wir einen Menschen kennen, den wir lieben bzw. wie gut wir ihn nach gerade einmal drei Monaten kennen können.
Nach Nikolas’ Tod bleibt Rosa nicht nur mit ihrer Trauer zurück, sondern auch mit einer quälenden Frage: Wie trauert man um einen Menschen, mit dem man nur drei Monate zusammen war und der offenbar Geheimnisse vor einem hatte? Tagebucheinträge geben Einblick in ihre Gedanken und zeigen ihre Zweifel – sowohl an ihren eigenen Gefühlen als auch daran, was Nikolas tatsächlich für sie empfunden hat.
Im zweiten Teil lernt Rosa Nikolas durch Gespräche mit seinen Freunden und Ex-Freundinnen gewissermaßen ein zweites Mal kennen. Stück für Stück setzt sich für sie ein neues Bild des Menschen zusammen, den sie zu kennen glaubte. Gerade dieser Perspektivwechsel macht den Roman besonders interessant. Er zeigt, wie unterschiedlich ein Mensch von verschiedenen Personen wahrgenommen wird und dass wir selbst die Menschen, die wir lieben, vielleicht nie vollständig kennen.
Timothy Paul erzählt keine klassische Liebesgeschichte und genau das macht “Eine Liebe ohne Sommer” so lesenswert. Trotz der ernsten Themen wirkt der Roman nie bedrückend. Immer wieder lockern humorvolle Dialoge und pointierte Gedanken die Handlung auf. Diese Mischung aus emotionalem Tiefgang und leiser Leichtigkeit sorgt dafür, dass die Geschichte gleichermaßen berührt und unterhält.
Nicht alles konnte mich jedoch überzeugen. An einigen Stellen wirkte die Handlung etwas konstruiert und verlor dadurch an Glaubwürdigkeit. Vor allem Rosas Begegnung mit Nikolas’ Exfreundin, die als Influencerin arbeitet, sowie die Geschichte um seinen Vater erschienen mir etwas überladen und wären für die eigentliche Handlung nicht unbedingt nötig gewesen.
Mein Fazit:
Timothy Paul erzählt keine klassische Liebesgeschichte, sondern über das, was von einem Menschen bleibt, wenn er nicht mehr da ist. “Eine Liebe ohne Sommer” handelt von Erinnerung, von den blinden Flecken jeder Beziehung und von der Erkenntnis, dass wir selbst den Menschen, die wir lieben, nie vollständig kennen werden. Vielleicht ist genau das die stärkste Erkenntnis des Romans: Nicht nur Beziehungen bleiben manchmal unvollendet, sondern auch unser Bild von den Menschen, die wir lieben. Gerade darin liegt die leise Melancholie dieses Romans.