|Rezension| Laute Nächte – Anne Freytag

von | Apr. 22, 2026 | 0 Kommentare

Leise Töne in “Laute Nächte”

Verlag: Kampa
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 18,99 Euro
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Seiten: 320

„Und du sagst, du willst weitermachen, aber du machst alles, nur nicht weiter. Du gehst zu keinem Geburtstag, egal wie oft du eingeladen wirst, du ignorierst die Anrufe deiner Freunde, weil du weißt, dass sie einmal mehr versuchen werden, dich aufzuheitern. Freunde, die Ratschläge haben, aber keine Ahnung. Also habe ich mich von meinem Bruder verleugnen lassen, wenn sie kamen, um nach mir zu sehen. Weil sie nicht nach mir sahen, sondern nach dem Typen, der ich mal war.“ (S.18)

Inhalt

Eine Klingel mit vier Namen: Paul hat das Tennisspielen aufgegeben und nichts Neues angefangen. Elif redet dauernd, fragt, nervt, lacht, als würde sie einen schon ewig kennen. Julia ist so leise, dass man nicht weiß, ob sie zu Hause ist. Und Kenni? Er weiß selbst nicht, was er in Wien will. Er musste einfach weg. Von den Leuten, die in ihm den Typen sehen, der er war, bevor er der wurde, dessen Freundin bei einem Autounfall gestorben ist. Ihre letzte Reise, ohne ihn. Obwohl sie doch einen Sommer lang Frankreich entdecken wollten. Wider Erwarten wird die WG für Kenni zur neuen Heimat. Das Leben geht einfach weiter. Auch die geplante Reise findet statt – mit Elif auf dem Beifahrersitz, was keine gute Idee ist. Zehn Jahre später, Kenni steht am Anfang seiner Karriere als Maler, treffen die vier sich in Zürich wieder. Es wird eine lange, laute Nacht, die lauter Fragen aufwirft. Erst zurück in Wien, aus Kenni ist inzwischen ein renommierter Künstler in den Vierzigern geworden, beginnt mit einem kurzen Gespräch ein Nachmittag, ein Abend, ein Anfang …

Mein Eindruck

Mit “Laute Nächte” legt Anne Freytag nach ihrem Roman “Blaues Wunder” ein Buch vor, das spürbar anders ist: persönlicher, ruhiger, eindringlicher. Bei ihrer letzten Lesung in Jena erzählte sie, dass sie diese Geschichte schon lange mit sich herumträgt, dass sie geschrieben werden musste. Nach der Lektüre versteht man genau, was sie damit meint.

Im Zentrum steht Kenni, der nach dem plötzlichen Tod seiner Freundin alles hinter sich lässt und nach Wien zieht. Neue Stadt, neue WG, neuer Versuch, irgendwie weiterzumachen. Viel mehr möchte man über den Inhalt eigentlich gar nicht verraten, denn das würde zu viel vorweg nehmen. Erzählt aus Kennis Perspektive und über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg entfaltet sich eine Geschichte, die leise beginnt und lange nachhallt.

Kenni ist ein Protagonist, den man sofort ins Herz schließt. Nicht, weil er perfekt ist, sondern weil er so nahbar wirkt. Auch die anderen Figuren sind mit großer Sorgfalt gezeichnet. Diese Vierer-WG fühlt sich so lebendig an, dass man sich unweigerlich wünscht, selbst einmal mit ihnen beim Frühstück am Küchentisch zu sitzen, Kaffee in der Hand, mitten in ihren Gesprächen. Besonders die Dialoge, z.B. zwischen Paul und Kenni, sind pointiert, ehrlich und oft genau dort humorvoll, wo man es am wenigsten erwartet.

Im Kern ist “Laute Nächte” ein Roman über Trauer. Wobei „Trauerarbeit“ als Begriff hier zu kurz greift. Er klingt nach etwas, das man erledigen, abschließen kann. Doch genau das stellt Anne Freytag infrage. Anhand von Kennis Weg zeigt sie, wie unvorhersehbar, widersprüchlich und individuell Trauer ist. Es gibt keinen klaren Verlauf, keine Regeln, kein „richtig“ oder „falsch“ – und vor allem kein Ablaufdatum. Diese Erkenntnis wird nie belehrend vermittelt, sondern entfaltet sich behutsam, fast beiläufig, und trifft gerade deshalb so tief.

Ein großer Teil der Wirkung entsteht durch Freytags Sprache. Ihr Stil ist klar und unaufgeregt, fast reduziert, und gerade deshalb so eindringlich. Sie verzichtet auf große Gesten und Pathos, trifft ihre Emotionen aber mit einer Präzision, die direkt ins Herz geht. Viele Szenen leben von den Dialogen, die sich natürlich und echt anfühlen – manchmal leicht und witzig, manchmal schmerzhaft ehrlich. Diese Mischung macht das Lesen so intensiv, ohne jemals schwerfällig zu werden. Auch zeichnet sie mit ihren Worten Bilder, die im Kopf bleiben, so z.B. die Szene als Elif sich ihr Nägel am Küchentisch lackiert – für mich eine der einprägsamsten Szenen des Buches.

Trotz der Schwere des Themas ist der Roman nicht erdrückend. Freytag gelingt eine bemerkenswerte Balance: zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, zwischen Schmerz und Wärme. Es sind diese kleinen Momente – ein Gespräch, ein Gedanke, eine Erinnerung –, die das Buch tragen. Ich habe beim Lesen geweint, ja. Aber ich habe auch gelacht. Und genau das macht diesen Roman so wunderbar vielseitig.

Neben der Trauer geht es auch um Freundschaft, um Familie, ums Erwachsenwerden… und auch ums Campen. Kennis Gedanken dazu sind so eigenwillig wie unterhaltsam (und ich musste mehr als einmal zustimmend nicken).

Mein Fazit:

“Laute Nächte” ist für mich eines der Highlights dieses Lesejahres. Anne Freytag beweist einmal mehr, wie feinfühlig und zugleich klar sie schreiben kann. Ihre Figuren sind vielschichtig, ihre Sprache trifft genau ins Herz, ohne jemals kitschig zu werden. Ein Roman mit vielen Sätzen, die bleiben – lange über die letzte Seite hinaus. Besonders empfehlen würde ich den Roman Leser, die ruhige, charaktergetriebene Geschichten schätzen und sich auf emotionale Prozesse einlassen wollen – und allen, die Bücher mögen, die nicht laut sein müssen, um lange nachzuhallen.

 
Vielen Dank Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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