|Rezension| Junk – Ilona Hartmann
So originell, so unterhaltsam, so gut geschrieben – ein Jahreshighlight!
„Ich wusste überhaupt nicht, was ein Lebensstil sein sollte. War mein Lebensstil das, was ich täglich machte? Daa war doch eigentlich nur der Kompromiss aus dem, was ich wollte, dem, was ich mir leisten konnte, und dem, was dann wirklich passierte.“ (S.77)
Inhalt
Sieben Tage hat sie Zeit. Sieben Tage zwischen einer beunruhigenden Diagnose und dem klärenden Arzttermin, der alles verändern könnte. Sieben Tage, um nicht nachzudenken – oder endlich aufzuräumen. Statt in den Urlaub zu fahren oder sich ablenken zu lassen, steigt sie hinab in ihr Kellerabteil, ausgestattet mit Stirnlampe, Müsliriegeln und dem festen Vorsatz, sich von allem zu trennen, was sie nicht mehr braucht und freizulassen, was ohne sie besser dran ist.
Doch zwischen Umzugskartons und Erinnerungskisten, XXL-Plüschteddys und 20 Jahre alten Zahnbürsten beginnt eine unerwartete Expedition: durch Chaos und Ordnung, Konsum und Identität, durch die Geschichte ihrer Dinge und eine Meditation über Schrott. Begleitet von ihrer minimalistischen Schwester, einer pragmatischen Gebrauchtwarenhändlerin und den Fabelwesen, die im Keller rascheln, stellt sie fest: Wegwerfen ist Trennung ohne Hintertür.
Mein Eindruck
Ilona Hartmann liefert mit „Junk“ meines Erachtens einen der besten Romane des Jahres. Warum? Zum einen wäre da dieser herrlich originelle Plot: Die Protagonistin muss eine Woche auf einen Arztbefund warten. Eine Woche, in der die Gedanken natürlich ständig um die mögliche Diagnose kreisen. Um sich abzulenken, nimmt sie sich ihren völlig vollgestopften Keller vor und beschließt, ihn innerhalb dieser Zeit zu entrümpeln.
Was zunächst nach einer ziemlich banalen Beschäftigung klingt, entwickelt sich zu einer überraschend klugen Auseinandersetzung mit Konsum, Identität und der Bedeutung, die wir Dingen beimessen. Denn mit jedem Gegenstand, den die Erzählerin in die Hand nimmt, öffnet sich auch eine Tür in ihre Vergangenheit. Einzelne Fundstücke lösen Erinnerungen aus, wir erfahren mehr über ihre Kindheit, ihre Familie und darüber, wie sie zu der Person geworden ist, die nun zwischen all dem angesammelten Zeug steht. Die Dinge im Keller werden damit zu kleinen biografischen Wegweisern.
Über weite Strecken ist „Junk“ als innerer Monolog erzählt. Dieses unmittelbare Erzählen aus dem Kopf der Protagonistin heraus hat mir ausgesprochen gut gefallen. Besonders gut haben mir die Erinnerungen und später auch die Dialoge mit ihrer Schwester gefallen: teilweise herrlich humorvoll, gleichzeitig so präzise beobachtet und erzählt, dass ich das Gefühl hatte, direkt daneben zu sitzen und diesen Gesprächen zuzuhören. Hartmann gelingt es, zwischenmenschliche Situationen nicht groß auszustellen, sondern genau die kleinen Gesten, Gedanken und unausgesprochenen Spannungen einzufangen, die solche Momente glaubwürdig machen.
Überhaupt ist die Sprache für mich eine der großen Stärken dieses Romans. Ilona Hartmann schreibt temporeich, humorvoll, pointiert und gleichzeitig erstaunlich feinfühlig. Ihre Sätze wirken oft leicht und beiläufig, obwohl darunter viel mehr steckt. Sie findet Worte für Gefühle, die eigentlich gar nicht ausgesprochen werden. Gerade das Ungesagte bekommt dadurch eine enorme Präsenz. Man versteht, was zwischen den Figuren passiert, weil Hartmann nicht alles erklärt, sondern darauf vertraut, dass man als Leser die Zwischentöne wahrnimmt.
Auch die Gestaltung der Unterkapitel fand ich großartig. Sie sind nach dem Muster typischer Vinted- oder Ebay-Kleinanzeigen-Überschriften benannt und beziehen sich jeweils auf die Dinge, die die Protagonistin im Keller findet. „Analog-Wecker retro Style chunky Design chrom (batterie nicht enthalten!)“ ist dafür ein schönes Beispiel.
Was mir an „Junk“ besonders gut gefällt: Der Roman liefert am Ende eben nicht die naheliegende Erkenntnis, dass Erinnerungen und Erlebnisse wichtiger sind als materieller Besitz. Ilona Hartmann geht einen Schritt weiter und bringt uns vielmehr dazu, darüber nachzudenken, warum wir eigentlich so viel besitzen, warum wir uns von manchen Dingen nicht trennen können und welche Bedeutung wir ihnen geben. Denn wer kennt ihn nicht, diesen Keller, der mit Dingen vollgestopft ist, die wir irgendwann einmal unbedingt haben wollten und deshalb gekauft haben – die dann aber dort landen, weil sie zum Wegwerfen doch zu schade sind oder weil Erinnerungen daran hängen.
Und vielleicht geht es deshalb am Ende auch gar nicht nur um die Frage, was wir besitzen, sondern darum, was diese Dinge über uns erzählen. Über unsere Vergangenheit, unsere Beziehungen und unser Bedürfnis, bestimmte Teile unseres Lebens festzuhalten. Genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke dieses Romans: Er nimmt einen sehr alltäglichen Ausgangspunkt und macht daraus etwas viel Größeres, ohne jemals schwer oder belehrend zu wirken.
Das Ende musste genau so sein, wie Ilona Hartmann es gestaltet hat. Alles andere hätte die Geschichte für mich kaputt gemacht. Und gleichzeitig war ich beim Zuklappen des Buches fast ein bisschen beleidigt, dass es schon vorbei war. Denn mal ehrlich: Warum hat dieses Buch nur 192 Seiten? Ich hätte so gern noch mindestens 100 Seiten mehr von dieser klugen, witzigen und sprachlich besonderen Geschichte gelesen.
Mein Fazit:
„Junk“ hat mich vor allem mit seiner originellen Geschichte, der besonderen Sprache und der klugen Auseinandersetzung mit unserem Verhältnis zu Dingen und Besitz begeistert. Ein Roman, der gleichzeitig unterhält, zum Nachdenken bringt und bei dem ich am Ende vor allem eines dachte: Warum war das jetzt schon vorbei? Ein Buch, das viel länger nachwirkt, als es mit seinen 192 Seiten eigentlich dürfte und eines meiner bisherigen Lesehighlights in diesem Jahr.