|Rezension| Loyalitäten – Delphine de Vigan

von | Okt 30, 2018 | 0 Kommentare

So kurz und trotzdem so intensiv!

Verlag: Dumont
Originaltitel: Les loyautés
Übersetzung: Doris Heinemann
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 12.10.2018
Seiten: 176

„Vielleicht geht ganz allgemein das Problem von mir aus. Ich bin das getarnte hakende Rädchen in einem bürgerlichen Mechanismus, der seit Urzeiten funktioniert. Ich bin das Sandkörnchen, das die Maschine stoppt, der unglücklicherweise in den Benzintank geratene Tropfen Wasser, das als Hausfrau verkleidete schwarze Schaf.“ (S.142)

Worum geht´s?

Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Um ihren Sohn müssen sie sich keine Sorgen machen. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, wie aber soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, allerdings ist Théo sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch demjenigen in den Rücken fallen, der den Minderjährigen den Alkohol besorgt. Und der ist es, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.
Wer möchte nicht denen gegenüber loyal sein, die er liebt? In ihrem neuen Roman erzählt Delphine de Vigan von der manchmal gefährlichen Komplexität unserer Beziehungen. Dabei erweist sie sich einmal mehr als unbestechliche Chronistin zwischenmenschlicher Missstände.

Mein Eindruck

Loyalität – ein vermeintlich positiv konnotierter Begriff, dessen Schattenseiten in Delphine de Vigans neuem Roman auf bedrückende Weise dargestellt werden. Als mir das Buch das erste Mal mit seinem farbenfrohen Cover und dem schlichten Titel “Loyalitäten” auffiel, hätte ich nicht vermutet, dass es sich dabei um ein erschütterndes Psychogramm eines Kindes und den es umgebenden Figuren handelt.

Trotz des geringen Umfanges und der Spannung, die Delphine de Vigan von Beginn an aufrecht erhält, habe ich einige Tage benötigt, um “Loyalitäten” zu lesen, weil diese Geschichte so intensiv ist, dass ich sie nur in geringen Dosen verdauen konnte. Im Zentrum der Geschichte steht der zwölfjährige Theo, in dessen Gedankenwelt der Leser tief eintaucht und dessen Schicksal mich nicht mehr losgelassen hat. Aber auch Theos Freund Mathis, dessen Mutter sowie Theos Mutter und die Lehrerin der beiden Jungen Helene sind wichtige und komplexe Figuren, die die Aufmerksamkeit und die Emotionen des Lesers fordern.

Es sind so viele wichtige und hochinteressante Themen, die in diesem dünnen Buch angesprochen werden: Welche schlimme Folgen eine kaputte Beziehung bzw. letztlich eine Trennung für das gemeinsame Kind haben kann, welcher Hilflosigkeit Lehrer ausgesetzt sind, die bei ihren Schülern Probleme vermuten, Alkoholabhängigkeit bei Kindern und wie die Herkunft eines Menschen sein weiteres Leben latent bestimmt. Zentrales und verbindendes Element ist dabei eine falsche Loyalität der Figuren zueinander. Viele Probleme würden sich lösen lassen, wenn die handelnden Personen einfach miteinander reden bzw. sich jemanden anvertrauen würden, was sie aber aufgrund der Loyalität zu Personen, die sie lieben, nicht tun. Gerade als Mutter wurde mir beim Lesen immer wieder das Herz schwer. Theo, der zwischen seinen Eltern steht und sich gegenüber beiden Elternteilen loyal verhalten will, zerbricht an dieser großen Verantwortung und niemand merkt es. Lediglich seine Lehrerin Helene merkt, dass es etwas mit ihm nicht stimmt.

Das Erschütternde an dieser Geschichte, die in Paris spielt, ist ihre Realitätsnähe. Auch wenn man im ersten Moment denkt, dass die Alkoholsucht eines Zwölfjährigen kein realistisches Szenario wäre, weil es einem selbst so weltfremd erscheint, wird einem durch Delphine de Vigan eindrucksvoll vor Augen geführt, dass diese Geschichte überall auf der Welt so passieren könnte. Ihre präzise Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen bei der sie den Leser in die tiefsten Abgründe blicken lässt, überzeugt durch ihre emotionale Distanz und die faszinierenden Charaktere.

Mein Fazit:

Mit “Loyalitäten” beweist Delphine de Vigan eindrucksvoll, dass es für einen intensiven und nachhallenden Roman keiner 1000 Seiten  bedarf, sondern auch auf gerade einmal 176 Seiten eine Geschichte erzählt werden kann, die authentisch ist, ohne auf die Tränendrüse zu drücken sehr berührt und den Leser auch noch lange nach der Lektüre beschäftigt. Die Autorin sensibilisiert mit diesem herausragenden Werk für das Unscheinbare und zeigt wie entscheidend es sein kann, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken. Für mich ist “Loyalitäten” eines der besten Bücher des Jahres und deshalb eine klare Leseempfehlung.

Vielen Dank an den Dumont Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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