|Rezension| Schwiegermutter – Moa Herngren
Schwiegermutter: Ein Roman, der Urteile zerlegt
„Wo war der Schmerz geblieben? Ich hatte gehofft, er würde sich verhalten wie Kompost, sich allmählich zersetzen und eins mit der Natur werden. Aber er erinnerte mehr an Atommüll, der auch hundert Jahre nach der Versiegelung des Endlagerbehälters nichts von seiner Radioaktivität einbüßt.“ (S.155)
Inhalt
Als Mutter hat Åsa eigentlich alles richtig gemacht. Und als Schwiegermutter? Weil ihr Sohn und seine Partnerin unverhofft eine Bleibe brauchen, bietet Åsa dem Paar an, bei ihr einzuziehen. Doch sie ahnt nicht, wie sehr das neue Zusammenleben das Verhältnis zu ihrem Sohn infrage stellen wird. Aus wechselnden Perspektiven schildert Moa Herngren eine Mutter-SohnBeziehung, die vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Åsa und ihr Sohn Andreas hatten immer schon ein enges Verhältnis. Andreas ist Einzelkind, Åsa hat ihn allein großgezogen – sie sind ein eingespieltes Team. Deshalb ist es für Åsa keine Frage, dass sie ihm und seiner Freundin Josefin anbietet, bei ihr unterzukommen, als die beiden kurzfristig ohne Wohnung dastehen. Doch das Zusammenleben stellt Åsa vor ungeahnte Herausforderungen. Ihre Versuche, eine Verbindung zu Josefin aufzubauen, schlagen fehl. Plötzlich sieht sie sich mit nie da gewesenen Vorwürfen zu Andreas’ Kindheit und Jugend konfrontiert, und sie erkennt ihren eigenen Sohn kaum wieder. Schmerzlich wird sich Åsa bewusst, dass sie nicht mehr die wichtigste Person in Andreas’ Leben ist.
Mein Eindruck
Moa Herngrens zweiten Roman “Schwiegermutter” wollte ich unbedingt lesen, nachdem mich ihr Debüt “Scheidung” so überzeugt hatte. Schon dort hat sie das Ende einer Ehe aus zwei Perspektiven erzählt und dabei sehr klug mit den Erwartungen und vorschnellen Urteilen der Leserschaft gespielt. Dieses Kunststück gelingt ihr auch hier wieder, allerdings auf noch komplexere, vielschichtigere Weise. Dieses Buch ist soooo gut, und ich bin wirklich froh, dass ich mit ihm ins neue Jahr gestartet bin.
Moa Herngren lässt uns tief in die Gedankenwelt ihrer Figuren eintauchen. Im Zentrum steht zunächst die Schwiegermutter Åsa, deren Wahrnehmung und Selbstrechtfertigung wir intensiv begleiten. Erst nach und nach – und besonders zum Ende hin – wird vieles klarer, wenn auch ihr Sohn Andreas, ihre Schwiegertochter Josefin und im Epilog auch Enkel Sam zu Wort kommen. Diese Perspektivwechsel sind unglaublich wirkungsvoll und werfen das zuvor Gelesene zum Teil in ein neues Licht.
Was mich – wie auch schon bei “Scheidung” – besonders überzeugt, ist Moa Herngrens klarer, unaufgeregter Sprachstil. Sie schreibt präzise und schnörkellos, fast nüchtern, und genau dadurch entfalten die emotionalen Spannungen ihre volle Wirkung. Der Text drängt sich nie auf, erklärt nicht übermäßig, sondern lässt Raum für eigene Gedanken und Urteile. Gleichzeitig ist das Erzähltempo so klug gewählt, dass man immer weiterlesen möchte: Informationen werden bewusst dosiert, Andeutungen erst spät aufgelöst, sodass sich die innere Dynamik der Familie Stück für Stück erschließt.
Ebenso beeindruckt hat mich die Vielzahl an Plottwists, die emotionale Komplexität und die enorme Sogwirkung der Geschichte. Ich war gleichzeitig aufgewühlt, nachdenklich und bestens unterhalten. Der Klappentext wird dieser Tiefe und Vielschichtigkeit allerdings nicht gerecht – er bleibt meines Erachtens deutlich hinter dem zurück, was der Roman tatsächlich leistet.
Im Kern geht es um Grenzüberschreitungen, die aus gutem Willen heraus passieren. Um die fließenden Übergänge zwischen Unterstützung und Manipulation, um Beziehungsdynamiken, Abhängigkeiten und festgefahrene Muster innerhalb einer Familie. Moa Herngren zeigt sehr eindrücklich, dass es hier nicht den einen Schuldigen geben kann und dass zwischen Schwarz und Weiß sehr viel Grau existiert.
Mit “Schwiegermutter” gelingt ihr ein meisterhaftes Porträt von Familienleben: tiefgründig, nuancenreich, scharfsinnig beobachtet und psychologisch extrem präzise. Ein Roman, der lange nachhallt und der einen zwingt, die eigenen Urteile immer wieder zu hinterfragen. Zurecht ist dieses Buch in Schweden ein Bestseller und ich wünschte. er hätte in Deutschland den gleichen Erfolg.
Mein Fazit:
“Schwiegermutter” ist ein Roman, der sich nicht auf einfache Antworten einlässt. Moa Herngren erzählt von Familie, Nähe und Verantwortung mit großer psychologischer Genauigkeit und zwingt ihre Leser:innen dazu, die eigene Haltung immer wieder zu überprüfen. Gerade weil es keine eindeutigen Schuldigen gibt, wirkt die Geschichte so real und so nah. Ein kluger, vielschichtiger und emotional fordernder Roman, der lange nachwirkt und viel Diskussionspotential bietet.