|Rezension| So wüst und schön sah ich noch keinen Tag – Elizabeth LaBan

von | Feb 15, 2017 | 1 Kommentar

Das Problem mit den hohen Erwartungen…

Verlag: Hanser
Originaltitel: The Tragedy Paper
Übersetzung: Birgitt Kollmann
Gebundene Ausgabe: 16,90 Euro
Ebook: 12,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.02.2016
Seiten: 288

„Ich hatte beschlossen, irgendwann, dass du meine Boje warst, wenn ich die losließe, würde ich ersaufen. Jetzt glaube ich, dass ich Liebe will.“ (S.230)

Worum geht´s?

Im renommierten Irving-College ist es Tradition, seinem Zimmer-Nachfolger eine Überraschung zu hinterlassen. Duncan findet besprochene CDs seines Vorgängers Tim, die eine traurige Liebesgeschichte offenbaren. Tim, der als Albino meist zum Opfer von Anfeindungen und Mobbing wird, verliebt sich darin in die begehrenswerte Vanessa. Mit ihr fühlt er sich das erste Mal nicht als Außenseiter. Trotzdem fehlt ihm der Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Ein Mangel an Selbstbewusstsein, der zum tragischen Unglück führt. Für Duncan ist Tims Geschichte aber der Anstoß, endlich den entscheidenden Schritt in Richtung Liebe zu tun. Ein mitreißendes Debüt über das Erwachsenwerden, verbotene Liebe und Verlust.

Cover und Titel

Lange hat mich das Cover eines Buches nicht mehr so für sich eingenommen wie dieser Blickfang aus dem Hanser Verlag. Schon beim ersten Blick letztes Jahr in der Frühjahrsvorschau des Verlags war ich hin und weg. Dieser originelle Titel, dessen Bedeutung erst im Laufe der Geschichte klar wird, ist so untypisch für ein Jugendbuch, das er sofort im Kopf bleibt. Sein poetischer Klang verspricht eine ebenso poetische Geschichte und zusammen mit dem ausgesprochen geschmackvollen Coverbild, das schlicht und originell zugleich ist, ergibt sich eine nahezu perfekte Verpackung für eine hoffentlich perfekte Geschichte.

Mein Eindruck

An diesen Roman mit dem wohl tollsten Titel und Cover des vergangenen Jahres hatte ich so hohe Erwartungen, dass ich mich lange – aus Angst vor einer Enttäuschung – nicht getraut habe, es zu lesen.

„So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ ist – anders als der Titel es vermuten lässt – eine recht typische Internatsgeschichte über einen jugendlichen Außenseiter. Tim ist ein Mensch mit Albinismus und hat es aufgrund dieser Krankheit bisher nicht leicht gehabt. Duncan hingegen ist ein unauffälliger Internatsschüler, der ein Jahr später Tims Zimmer im Internat bekommt und dort von Tim besprochene Kassetten mit dessen Geschichte vorfindet.

So ergeben sich zwei Erzählstränge: Duncans Geschichte im Jetzt und Tims tragische Geschichte, die sich ein Jahr zuvor ereignet hat und man ahnt es: Irgendwie hängt beides miteinander zusammen, was sich jedoch erst am Ende aufklärt und somit einen schönen Spannungsbogen von Anfang bis Ende zieht. Die „Tragödie“ ist der rote Faden dieses Romans. Nicht nur soll Duncan ein Aufsatz zum Thema „Tragödie“ verfassen, sondern es ist natürlich auch Tims persönliche Tragödie, die die Geschichte ausmacht. Diese originelle Idee mit dem Shakespeare Bezug (Beispiele: Tims Nachname ist „MacBeth“, der Titel des Romans ein Zitat aus eben jenem Stück des Dramatikers) hat mir gut gefallen, allerdings ist die Umsetzung des Ganzen in meinen Augen nicht wirklich gut gelungen.

Obwohl der Plot wirklich viel Potenzial für eine traurig schöne Geschichte bietet, gelingt es Elizabeth LaBan nicht, dieses auszuschöpfen. Ich hatte oft das Gefühl, dass die Autorin zu viel will und dabei bestimmte – für den Leser wichtige Dinge – wie die Charaktere ihrer Figuren vernachlässigt. Bis zuletzt konnte ich mir keine der drei Hauptfiguren bildlich vorstellen, geschweige denn, dass ich mich in sie hineinversetzen konnte. Manche ihrer Handlungen und (Schuld-)Gefühle waren so abwegig, dass mir am Ende die Glaubwürdigkeit der Geschichte fehlte. Warum fühlt Duncan sich Tim gegenüber so schuldig? Warum verhält sich Vanessa Tim gegenüber so ambivalent? Und warum zur Hölle verhält Tim, der doch augenscheinlich ein intelligenter Junge ist, wenn er in einem derart noblen Internat aufgenommen wird, so unglaublich naiv und leichtsinnig?

Was mich aber angesichts des poetischen Titels mit dem Shakespeare-Zitat noch mehr gestört hat, war der Sprachstil der Autorin, der eben nicht die erhoffte poetische Sprache bot, sondern vielmehr kurze, leicht verständliche Sätze ohne besonderen Charme. Trotz seines vergleichsweise geringen Umfangs von knapp 300 Seiten habe ich an diesem Buch fast zwei Wochen gelesen, was verdeutlicht, dass man hier nicht von einem fesselnden Schreibstil der Autorin sprechen kann.

Mein Fazit:

Durch das wunderschöne Cover und den poetischen Titel von „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ habe ich mir eine anspruchsvolle und tiefgreifende Geschichte erhofft, die ich letztlich aber nicht bekam. Obwohl der Plot durch die zwei Erzählstränge und die Tragödie als roten Faden durchaus interessant ist, verschenkt er sein Potenzial durch schwache Charaktere und einen Schreibstil ohne besonderen Charme.

 

Vielen Dank an den Hanser Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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