|Rezension| Ghost Stories – Siri Hustvedt

von | Mai 11, 2026 | 0 Kommentare

Ein wundervolles Denkmal aus Worten

Verlag: Rowohlt
Originaltitel: Ghost Stories
Übersetzung: Uli Aumüller, Grete Osterwald 
Gebundene Ausgabe: 25,00 Euro
Ebook: 21,99 Euro
Erscheinungsdatum: 13.03.2026
Seiten: 400

„Trauer ist nicht konstant. Ich kann mich tagelang gegen den Sturm abschotten, und dann kommt ein scharfer Wind und haut mich um.“ (S.29)

“Wir – Paul und ich mit ihm – machen weiter mit dem Weitermachen.” (S.78)

Inhalt

Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: eine allzeit spürbare Präsenz, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte.

Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.

In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen; es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen, die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.

Mein Eindruck

Für dieses Buch die richtigen Worte zu finden, ist gar nicht so einfach. Vielleicht, weil “Ghost Stories” von etwas erzählt, das sich letztlich jeder eindeutigen Beschreibung entzieht: von einer Liebe, die mehr als vier Jahrzehnte überdauert hat, und von dem Verlust eines Menschen, dessen Abwesenheit alles verändert. Siri Hustvedt hat dennoch genau die richtigen Worte gefunden, um ihrem Mann Paul Auster und ihrer außergewöhnlichen gemeinsamen Geschichte ein literarisches Denkmal zu setzen.

“Ghost Stories” ist ein Buch des Erinnerns. Es setzt sich aus Tagebuchnotizen, philosophischen Reflexionen und Briefen zusammen und entfaltet gerade durch diese Mischung eine große Intimität. Im Mittelpunkt stehen vor allem Siri Hustvedts Gedanken und Erinnerungen, aber auch Paul Auster kommt zu Wort: in Briefen, die er an seinen Enkel Miles geschrieben hat. So entsteht ein vielschichtiges, persönliches Porträt zweier Menschen, deren Beziehung weit über die romantische Liebe hinausging.

Schon das Cover hat mich sofort berührt. Ich liebe, liebe, liebe dieses Foto des Paares. Es ist eine wunderschöne Momentaufnahme, die all das einfängt, worum es in diesem Buch geht: Nähe, Vertrautheit und eine tiefe, selbstverständliche Verbundenheit. Beim Lesen wird spürbar, wie besonders die Beziehung zwischen Siri Hustvedt und Paul Auster war. Nicht nur, weil beide herausragende Schriftsteller:innen sind, sondern weil sie sich über Jahrzehnte hinweg als gleichberechtigte Partner, Verbündete und intellektuelle Gefährten begegnet sind.

Hustvedt schreibt offen und sehr persönlich über ihre Ehe und über den Tod ihres Mannes vor zwei Jahren – aber nie so intim, dass es unangenehm oder voyeuristisch wirken würde. Sie lässt ihre Leser:innen nur so weit an ihren Erinnerungen und Gefühlen teilhaben, dass nachvollziehbar wird, wie tief die Verbindung zwischen ihr und Paul Auster war und welch unermesslicher Verlust sein Tod für sie bedeutet. Gerade diese Balance aus emotionaler Offenheit und literarischer Zurückhaltung macht den Text so berührend. Jeder Satz ist von Zärtlichkeit, Wertschätzung und großer Dankbarkeit getragen und vermittelt eindrucksvoll, was es bedeutet, einen Menschen nicht nur zu lieben, sondern über Jahrzehnte hinweg in jeder Hinsicht einander verbunden zu sein. Gleichzeitig bleibt Hustvedt ganz die analytische Denkerin, die sie schon immer war. Selbst in ihrer Trauer hört sie nicht auf, nach Zusammenhängen zu suchen, Erfahrungen zu deuten und das Wesen von Erinnerung, Liebe und Verlust zu ergründen.

Ja, “Ghost Stories” ist ein Buch über Trauer. Vor allem aber ist es ein Buch über eine Liebe, die von gegenseitigem Respekt, tiefer Unterstützung und außergewöhnlicher Beständigkeit geprägt war. Es erzählt von einer Beziehung, die Krisen und Schicksalsschläge überstanden hat, an denen viele andere zerbrochen wären. 

Gerade deshalb ist dieses Buch nicht deprimierend, sondern zutiefst tröstlich. Es macht schmerzlich bewusst, was verloren gegangen ist, und feiert zugleich mit großer Dankbarkeit, was gewesen ist. Selten habe ich ein Buch gelesen, das Trauer und Liebe so eindrucksvoll miteinander verbindet und dabei so viel Wärme und Hoffnung ausstrahlt.

Mit “Ghost Stories” beweist Siri Hustvedt einmal mehr ihr außergewöhnliches schriftstellerisches Können. Nur zwei Jahre nach dem Tod des geliebten Menschen ein so kluges, präzises und zugleich herzzerreißend schönes Werk zu schreiben, ist bewundernswert. Dieses Buch ist eine bewegende Hommage an Paul Auster, aber auch an die Kraft einer großen Liebe und eines der berührendsten Bücher, die ich seit Langem gelesen habe.

Mein Fazit:

“Ghost Stories” ist weit mehr als ein Buch über Verlust. Es ist eine zutiefst bewegende Erinnerung an eine außergewöhnliche Partnerschaft und ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass Liebe auch über den Tod hinaus fortwirken kann. Siri Hustvedt gelingt es, Schmerz und Dankbarkeit, analytische Schärfe und große emotionale Offenheit miteinander zu verbinden. Entstanden ist ein kluges, zärtliches und tröstliches Buch, das mich tief berührt hat. Wer literarische Texte über Liebe, Erinnerung und Trauer schätzt, wird an diesem besonderen Werk kaum vorbeikommen.

 
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