|Rezension| Das Jahr der Wale – Kelly Anderson
Eine Geschichte wie Ebbe und Flut
„Egal wie viel Mühe sie sich gibt, alles herauszubekommen, ständig findet sie noch mehr davon (davon = Sand, Anm.d.R.), im Abfluss des Spülbeckens, eingebettet in die Nähte der Mastratze, im Plastik-Besteckkasten in der Küchenschublade, im Daumen von Ruths Ofenhandschuh. So ist es auch mit ihrer Trauer.“ (S.14)
Inhalt
Annie MacLeod hat schon immer gespürt, dass sie anders ist. Ihre Kindheit verbringt sie hauptsächlich auf einem Segelboot vor der Westküste Kanadas, denn ihre Mutter erträgt es nicht, längere Zeit vom Meer getrennt zu sein. Doch in Hale’s Landing wartet Evan auf Annie, und als die beiden erwachsen werden, wird aus der Kindheitsfreundschaft etwas Tieferes.
Eines Tages bleibt Annie zum ersten Mal allein bei Evan, während ihre Eltern segeln gehen. In dieser Nacht zerstört ein Tsunami ihre ganze Welt. Annie ist an Land gestrandet, ihre Eltern kehren nicht zurück. Am Strand rettet Annie einen jungen Mann aus den Fluten. Walker scheint stumm zu sein, trotzdem spürt sie sofort eine seltsame Verbindung. Als würde etwas in ihm zu etwas in ihr sprechen, das ihr selbst verborgen ist.
Dann soll Hale’s Landing evakuiert werden, und Annie muss entscheiden, wohin ihr Herz gehört …
Mein Eindruck
Schon der Einstieg von „Das Jahr der Wale“ hat mich gepackt: Die Geschichte beginnt mit einem Tsunami und damit nicht gerade leise. Die Katastrophe ist eindrücklich geschildert und sorgt dafür, dass man sofort mitten im Geschehen ist. Überhaupt versteht es Kelly Anderson sehr gut, eine intensive, fast greifbare Atmosphäre zu schaffen. Ihre Sprache ist bildhaft und voller Metaphern, sodass man das Meer, die Landschaft und die Natur förmlich vor sich sieht.
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: Wechselnd geht es in die Vergangenheit und zurück in die Gegenwart. Die größeren Abschnitte tragen Namen wie „Ebbe“, „Tiefstand“, „Stauwasser“, „Flut“ und „Höchststand“ und damit orientiert sich die Autorin selbst beim Aufbau ihres Romans am Rhythmus des Meeres.
Die Tsunami-Thematik fand ich zunächst besonders spannend. Gerade die unmittelbaren Auswirkungen der Katastrophe auf die Menschen und die Landschaft hätten für meinen Geschmack allerdings noch deutlich mehr Raum bekommen dürfen. Ich hätte gern erfahren, wie die Betroffenen mit dem Erlebten weiterleben, was die Katastrophe langfristig mit ihnen und ihrer Umgebung macht. Auch die Beziehungen der Figuren untereinander bleiben mir teilweise zu sehr an der Oberfläche. Vieles wird angedeutet, aber nicht wirklich vertieft. Dadurch kam ich bis zuletzt nicht wirklich an die Figuren ran.
Stattdessen nimmt die magische Komponente des Romans zunehmend Raum ein. Und genau da lag für mich eine Schwierigkeit: Mir war das schlicht zu viel. Überhaupt hatte ich beim Lesen zunehmend den Eindruck, dass es Kelly Anderson weniger darum geht, eine Geschichte mit möglichst viel Handlung zu erzählen, als vielmehr darum, eine ganz bestimmte Atmosphäre zu erschaffen. Trauer, Identitätsverlust, Sinnsuche und die Verbindung des Menschen zur Natur werden immer wieder in Bilder und Metaphern übersetzt. Es gibt sicher Leser:innen, denen das richtig gut gefällt, aber mir war es zu viel.
Dazu kommen gerade am Anfang zahlreiche Segel-Fachbegriffe. Wer sich mit dem Thema auskennt, wird daran vermutlich seine Freude haben. Ich dagegen habe vom Segeln ungefähr so viel Ahnung wie ein Fisch vom Bergsteigen und war mitunter ziemlich überfordert.
Interessant finde ich auch den Unterschied zwischen Original- und deutschem Titel. Im Original heißt der Roman „The Wild Beneath“ und dieser Titel passt für mich ganz hervorragend zu dem, worum es in der Geschichte geht: um das Wilde und Unberechenbare unter der Oberfläche, um die Natur, aber auch um das, was in den Menschen verborgen liegt. Was man sich bei „Das Jahr der Wale“ gedacht hat, erschließt sich mir dagegen nicht so recht. Wale spielen zwar immer wieder eine Rolle, aber warum „das Jahr“? Die Handlung erstreckt sich schließlich über mehrere Jahre. Vielleicht verstehe ich die Metaphorik des deutschen Titels aber auch einfach nicht.
Und ist „Das Jahr der Wale“ nun eine Liebesgeschichte? Für mich eher nicht – jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Viel stärker geht es um die Liebe zur Natur und um die besondere Verbindung zwischen Mensch und Landschaft als um romantische Liebe zwischen zwei Menschen.
Mein Fazit:
Insgesamt ist „Das Jahr der Wale“ für mich vor allem ein atmosphärischer Roman, der von seiner Sprache, seinen Bildern und seiner besonderen Nähe zur Natur lebt. Die Idee und der Einstieg haben mir sehr gut gefallen, und gerade die Gezeiten-Struktur ist ausgesprochen stimmig. Gleichzeitig hätte ich mir weniger metaphorische Überhöhung und dafür mehr Tiefe bei den Figuren, ihren Beziehungen und den Folgen der Tsunami-Katastrophe gewünscht. Ein Roman, der mich vor allem durch seine Atmosphäre erreicht hat; inhaltlich aber nicht ganz so sehr, wie ich es mir nach dem starken Beginn erhofft hatte.