|Rezension| Besondere Vorkommnisse – Martha Baillie

von | Sep. 24, 2026 | 0 Kommentare

Skurrile Geschichten, ungewöhnlich erzählt

Verlag: Wagenbach
Originaltitel: The Incident Report
Übersetzung: Ludger Tolksdorf
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 20,99 Euro
Erscheinungsdatum: 20.08.2026
Seiten: 208

„Es war alles eine Inszenierung, an die er selbst zu gern geglaubt hätte, während er im Inneren seines Kopfes seine persönliche Melodie von massiver Selbstzerfleischung und Resignation pfiff.“ (S.26)

Inhalt

Die Bibliotheksangestellte Miriam Gordon beantwortet selbst die skurrilsten Buchsuchanfragen mit großer Akribie. Ungewöhnliche Ereignisse während ihres Dienstes soll sie protokollieren. Und an solchen mangelt es an diesem Zufluchtsort für Durchgeknallte wahrlich nicht. Der Elektrokabel- oder der Wellensittichmann gehören ebenso zu den eher harmlosen Exzentrikern wie die Lavendelfrau, doch es gibt auch anstrengende Problemfälle, außerdem verstörende Briefe, die mit Rigoletto unterzeichnet sind. Auf einer Parkbank lernt Miriam den lesenden und taxifahrenden Künstler Janko kennen und verliebt sich zum zweiten Mal in ihrem Leben. Alles in diesem Roman scheint auf versteckte Weise zusammenzuhängen, bevor Miriams nächster Bericht über ein besonderes Vorkommnis neue Fragen aufwirft. Martha Baillie arbeitet als Geschichtenerzählerin in Altersheimen und Schulen und ist seit über dreißig Jahren an der Toronto Public Library angestellt. Ihr Roman erzählt witzig und kunstvoll vom außergewöhnlichen Kosmos Bibliothek.

Mein Eindruck

Ich wollte Martha Baillies Buch unbedingt lesen, als mich eine liebe Buchhändlerin darauf aufmerksam machte, weil ich mir erhofft hatte, darin viele Parallelen zu meinem eigenen Bibliotheksalltag zu finden. Skurrile Begebenheiten gibt es schließlich auch in unserer Stadtbibliothek zuhauf – entsprechend gespannt war ich, was der Bibliothekarin Miriam in einer Stadtbibliothek in Toronto so alles widerfährt.

Miriam ist angehalten, besondere Vorkommnisse in der Bibliothek protokollarisch festzuhalten. Und so lesen wir eine Aneinanderreihung von 144 Berichten, die durch Erlebnisse aus Miriams Privatleben kunstvoll miteinander verbunden werden. Das Besondere daran: Miriams Protokolle sind vollkommen wertfrei. Sie schildert die Vorkommnisse, ohne sie zu kommentieren, zu be- oder verurteilen. Gerade dadurch wirken manche Begegnungen und Situationen umso absurder.

Die Autorin Martha Baillie arbeitet selbst seit rund 30 Jahren in derselben Bibliothek wie ihre Protagonistin. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass zumindest einige der geschilderten Begebenheiten einen realen Kern haben. Dieser Gedanke verleiht dem Buch für mich einen zusätzlichen Reiz – schließlich fragt man sich unweigerlich, was davon tatsächlich so oder so ähnlich passiert sein könnte.

Leider bin ich aber einmal mehr aufgrund meiner hohen Erwartungen enttäuscht worden. Ich hatte auf viele Wiedererkennungsmomente und skurrile Geschichten aus dem Bibliotheksalltag gehofft, doch für mich bot das Buch letztlich zu wenig Identifikationspotential. Vieles war so absurd und schräg, dass es mir irgendwann fast zu viel wurde. Bei 144 Berichten auf gerade einmal 201 Seiten passiert schließlich ziemlich viel auf sehr engem Raum. Ich konnte das Buch deshalb nur langsam lesen, weil ich diese Fülle an ungewöhnlichen Begebenheiten erst einmal verarbeiten musste.

Auch die Erzählweise ist ziemlich ungewöhnlich. Baillies Sprache ist knapp, verdichtet und eher kühl. Das passt gut zu Miriam, die die teilweise absurden Geschehnisse um sie herum möglichst nüchtern festhält und dabei selbst auf Abstand bleibt. Diese Distanziertheit hat mich aber auch immer wieder auf Abstand zur Geschichte gehalten, sodass es mir nicht leichtfiel, wirklich in das Geschehen hineinzufinden.

Und dann kommt dieses Ende. Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet, aber es war für mich die Kirsche auf der Torte. Plötzlich bekommt der ganze Roman noch mal eine neue Note, die mir gut gefallen hat.

Mein Fazit:

Martha Baillies Roman ist sicherlich kein gewöhnlicher Bibliotheksroman. Die ungewöhnliche Form, die lakonische Sprache und die vielen skurrilen Beobachtungen machen ihn zu einer eigenwilligen Lektüre. Für mich persönlich blieb er allerdings hinter den Erwartungen zurück, die gerade aufgrund meines eigenen Bibliotheksalltags besonders hoch waren. Dafür hat mich das überraschende Ende noch einmal richtig abgeholt und letztlich dafür gesorgt, dass ich das Buch mit einem durchaus positiven letzten Eindruck beendet habe.

 
Vielen Dank an den Wagenbach Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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