|Rezension| Wirf einen Schatten – Elena Fischer
Elena Fischer kann es einfach: Geschichten erzählen, die berühren
„Aus dem Sehen wurde ein Schauen, aus dem Schauen ein Starren. Und dann – nichts.“ (S.7)
Inhalt
Joseph ist einsam und hadert mit seinem Schicksal, nicht erst, seit seine Frau Lis mit dem gemeinsamen Sohn in die Stadt gezogen ist, weil sie den Alltag auf dem Hof nicht mehr ausgehalten hat. Wahrlich etwas Besonderes in den Sechzigerjahren auf dem Land. Zum Glück ist da noch Ada, Lis’ ältere Schwester, mit der sich Joseph schon immer sehr verbunden fühlt. Und dann steht plötzlich die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, geschwächt und auf der Flucht vor ihrer Familie. Lis, Ada und Birdie – sie werden ihrem eigenen, aber auch Josephs Leben eine ganz neue Richtung geben.
Mein Eindruck
Elena Fischers Debütroman „Paradise Garden“ hat mir unheimlich gut gefallen. Entsprechend gespannt war ich auf ihr neues Buch „Wirf einen Schatten“. Und ich gebe zu: Nach den ersten Seiten war ich zunächst skeptisch, denn der Plot klang für mich wenig originell. Bauer Joseph sitzt am Weihnachtsabend 1963 allein in seinem Haus und möchte sich das Leben nehmen. Seine Frau Lis hat ihn verlassen und den gemeinsamen Sohn Samuel mitgenommen. Ausgerechnet in diesem Moment steht Birdie vor seiner Tür. Eine junge, ihm völlig fremde Frau, die schwer krank ist und dringend Hilfe benötigt. Ein Weihnachtswunder? Wohl kaum. Widerwillig nimmt Joseph sie auf, doch mit jedem Tag, den die beiden miteinander verbringen, verändert sich etwas.
Was zunächst recht vorhersehbar beginnt, entwickelt sich zu einer überraschend vielschichtigen und berührenden Geschichte. Dabei ist „Wirf einen Schatten“ für mich nicht nur ein eindringlicher Titel, sondern auch ein wunderschönes Bild für das, worum es in diesem Roman geht: Man muss ins Licht, in die Sonne treten, um überhaupt einen Schatten werfen zu können. Inhaltlich geht es um Traumata, Schuldgefühle, Familie und Liebe, aber auch um unausgesprochene Wahrheiten, alte Verletzungen und die Sprachlosigkeit zwischen Menschen. Die Geschichte wirkt oft so zeitlos, dass man vergisst, dass sie in den 60er Jahren spielt.
Besonders beeindruckt hat mich Elena Fischers Schreibstil. Sie schreibt unglaublich bildhaft und gleichzeitig wunderbar klar. Ihre Sprache ist niemals überladen und schafft es dennoch, starke Emotionen hervorzurufen. Immer wieder bin ich beim Lesen an einzelnen Sätzen hängen geblieben, weil sie so treffend und schön formuliert waren. Überhaupt hat mich beeindruckt, mit welcher Empathie sich die Autorin ihren Figuren und auch der Natur nähert.
Die Figuren sind ihr hervorragend gelungen. Vor allem Joseph ist vielschichtig, glaubwürdig und entwickelt sich auf ganz natürliche Weise. Geprägt von einer schweren Kindheit, in der er stets der schwache Bruder war und unter einem herrischen Vater und einer verzweifelten Mutter litt, hat er gelernt, seine Gefühle für sich zu behalten. Umso schöner fand ich seine Emotionalität und Empathiefähigkeit. Er ist eine Männerfigur, die nicht durch Härte und Unnahbarkeit definiert wird, sondern durch ihre Verletzlichkeit und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Das hat mich tatsächlich sehr berührt.
Erzählt wird die Geschichte in zwei zeitlich auseinanderlaufenden Handlungssträngen. Während man Joseph im Hauptstrang durch die Gegenwart begleitet und gemeinsam mit ihm auf einen Lichtblick hofft, bewegt sich der zweite Strang rückwärts in seine Vergangenheit. So erfahren wir nach und nach, wie Joseph und Lis sich kennengelernt haben und welche Rolle Ada spielt. Diese Erzählweise hat mir ausgesprochen gut gefallen, weil sie immer wieder neue Zusammenhänge eröffnet und ein genaueres Bild von den Figuren, allen voran natürlich Joseph, zeichnet.
Ganz ohne kritische Anmerkungen komme ich allerdings nicht aus. Gelegentlich haben mich einige Details irritiert, die für mich nicht so recht in die Zeit passten, in der der Roman spielt. Dazu gehört beispielsweise der recht moderne Name Birdie oder die Tatsache, dass Joseph bereits in den 1960er-Jahren im ländlichen Raum über ein Telefon mit Anrufbeantworter verfügt. Das sind keine Dinge, die mir die Lektüre verdorben hätten, aber zumindest Details, die bei mir Fragen aufwarfen und die ich deshalb nicht unerwähnt lassen möchte.
Mein Fazit:
Nach anfänglicher Skepsis hat mich „Wirf einen Schatten“ doch noch vollkommen für sich eingenommen. Elena Fischer erzählt eine leise, aber ungemein eindringliche Geschichte über Menschen, die an ihrer Vergangenheit tragen, über die Kraft von Mitgefühl und darüber, dass es manchmal nur eine unerwartete Begegnung braucht, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Vor allem aber ist es ihre besondere Sprache, die dieses Buch für mich zu etwas Außergewöhnlichem macht. Ein Roman, der mich nicht nur emotional erreicht, sondern auch mit vielen wunderschönen Sätzen zurücklässt.