|Rezension| Alte Sorten – Ewald Arenz

von | Okt. 14, 2026 | 0 Kommentare

Ein Bestseller, der seinen Erfolg verdient

Verlag: Dumont
Taschenbuch: 14,00 Euro
Ebook: 10,99 Euro
Erscheinungsdatum: 21.07.2020
Seiten: 256

„Es waren ganz stille Tage. Sie bewegten sich beide immer noch ganz vorsichtig. So als wären sie lange über das Eis eines zugefrorenen Sees gelaufen, das Sprünge bekam und knisterte, wenn man zu forsch auftrat. Wie nach einem Tag dichten Schneefalls, wenn man nicht sicher sein kann, ob man noch auf dem See oder schon auf festem Boden ist, weil alles gleichmäßig weiß ist.“ (S.224)

Inhalt

Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Fragen hasst sie am meisten, vor allem die nach ihrem Aussehen.
Liss ist eine starke, verschlossene Frau, die die Arbeit, die auf dem Hof anfällt, problemlos zu meistern scheint. Schon beim ersten Gespräch der beiden stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für Eine, die nie über sich spricht, die das Haus, in dem die frühere Anwesenheit anderer noch deutlich zu spüren ist, allein bewohnt? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten und Liss die alten Birnensorten in ihrem Obstgarten beschreibt, deren Geschmack Sally so liebt, kommen sich die beiden Frauen näher. Und erfahren nach und nach von den Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden.

Mein Eindruck

Ich weiß, ich bin ein bisschen “late to the party”, aber vielleicht gibt es ja noch mehr Menschen wie mich, die „Alte Sorten“ von Ewald Arenz bisher noch nicht gelesen haben. Nachdem mir „Die Liebe an miesen Tagen“ bereits gut gefallen hatte, war es nun also Zeit für diesen Roman, dessen Taschenbuchausgabe von Mitte 2020 an mehr als zwei Jahre ununterbrochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Und was soll ich sagen? Ich verstehe, warum dieses Buch so viele Menschen begeistert hat.

Arenz schreibt mit einer sprachlichen Präzision, die einfach Freude macht. Arenz erzählt gleichermaßen kraftvoll wie behutsam, direkt und ungeschönt, aber immer mit viel Gespür für seine Figuren. Besonders beeindruckt hat mich, wie mühelos er seine Sprache an die unterschiedlichen Figuren anpasst. Ein durchaus gewagtes Unterfangen, das ihm hier aber ganz hervorragend gelingt.

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die doch beide auf ihre eigene Weise mit dem Leben hadern. Sally und Liss waren mir trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer Ecken und Kanten ausgesprochen sympathisch. Beide bringen ihre ganz eigene Geschichte, ihre Verletzungen und ihre Fragen ans Leben mit. Vieles davon konnte ich gut nachvollziehen und mich in ihren Gedanken und Gefühlen wiederfinden. Die Annäherung zwischen den beiden entwickelt sich langsam, leise und mit einer bemerkenswerten Feinfühligkeit. Nichts wirkt überstürzt oder konstruiert, und gerade diese stille, glaubhafte Entwicklung hat mich sehr berührt.

Die Natur und die Arbeit auf dem Hof werden zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den beiden Frauen. Während Sally anfangs kaum einen Blick für die Schönheit der Landschaft hat, ist das Land für Liss untrennbar mit ihrer Existenz verbunden. Durch die gemeinsamen Tätigkeiten im Rhythmus der Jahreszeiten – von der Birnen- und Kartoffelernte über das Holzmachen und die Imkerei bis hin zur Weinlese – wächst nicht nur ihre Vertrautheit miteinander, sondern auch ihr Gespür für das, was ihnen im Leben Halt geben kann. Die Natur wird für beide zunehmend zu einer Quelle der Kraft und eröffnet ihnen neue Perspektiven. Dabei zeichnet Arenz keineswegs ein verklärtes Bild des Landlebens, sondern zeigt ebenso selbstverständlich die Mühen und die harte Arbeit, die damit verbunden sind.

Da ich selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, haben mich gerade diese Passagen besonders angesprochen. Die Schilderungen der alltäglichen Arbeiten, vor allem aber auch der Gerüche, wirkten auf mich so authentisch, dass sie ganz unmittelbar Erinnerungen an meine eigene Kindheit geweckt haben. Überhaupt gelingt es Arenz wunderbar, Stimmungen einzufangen und die Landschaft mit wenigen, präzisen Worten lebendig werden zu lassen. Man meint, die herbstliche Luft zu spüren und die Umgebung mit all ihren Farben und Gerüchen vor sich zu sehen.

Was mir ebenfalls sehr gut gefallen hat: Trotz der teilweise schweren Themen verleiht Arenz seiner Geschichte eine gewisse Leichtigkeit, ohne die Probleme seiner Figuren zu verharmlosen oder ihnen ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen. Es gibt keine einfachen Lösungen und keine künstlich herbeigeführten Wendungen. Stattdessen lässt er seinen Figuren Raum, sich zu entwickeln, und vertraut darauf, dass manchmal schon kleine Veränderungen Großes bewirken können.

Und dann wäre da noch das letzte Drittel! Während ich mir anfangs Zeit gelassen habe, wurde die Geschichte gegen Ende so spannend, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen konnte. Ich bin schließlich damit durch die Wohnung gelaufen, weil ich unbedingt weiterlesen wollte, aber gleichzeitig noch Dinge erledigen musste. Ich denke, das sagt einiges darüber aus, wie sehr mich die Geschichte gepackt hat.

Mein Fazit:

„Alte Sorten“ ist für mich ein wunderbar feinfühliger, atmosphärischer und sprachlich beeindruckender Roman über zwei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihren Platz im Leben suchen und sich dabei gegenseitig näherkommen. Ein Buch über Verletzlichkeit, Vertrauen, die Kraft der Natur und die Möglichkeit, trotz schwieriger Erfahrungen wieder zu sich selbst zu finden. Ewald Arenz erzählt leise, ohne langweilig zu sein, und berührend, ohne ins Kitschige abzurutschen. Und ganz ehrlich: Es ist das perfekte Buch für den Herbst! Wer „Alte Sorten“ noch nicht gelesen hat, sollte das jetzt unbedingt nachholen. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.

 
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