|Rezension| Alles über Heather – Matthew Weiner

von | Nov 7, 2017 | 0 Kommentare

144 überraschende Seiten, die sich lohnen

Verlag: Rowohlt
Originaltitel: Heather, The Totality
Übersetzung: Bernhard Robben
Gebundene Ausgabe: 16,00 Euro
Ebook: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 07.11.2017
Seiten:144

„Heather hatte sich immer schön gefunden, hatte gespürt, was anständig war, und gewusst, dass alle stets ihr Bestes zu geben bemüht waren, doch da sie ja sah, wie anders ihre Eltern daheim waren und wie sie sich gegenseitig nicht an ihrem Glück teilhaben lassen konnten, musste sie sich der Frage stellen, was sie ihnen angetan hatte.“ (S.95)

Worum geht´s?

Mark und Karen Breakstone haben spät geheiratet. Bald kündigt sich Nachwuchs an, die Tochter wird auf den Namen Heather getauft, und die kleine, wie es scheint, recht perfekte Familie lebt ihr von materiellen Sorgen freies Leben in Manhattan. Doch das Dreieck Vater-Mutter-Kind ist labil. Heather, das von allen vergötterte Mamakind, verändert sich, als sie in die Pubertät kommt, sie wendet sich von der Mutter ab, die das nicht verkraftet.

Parallel erzählt Matthew Weiner das Schicksal von Bobby Klasky, Kind einer drogensüchtigen Prostituierten, geboren in die Hölle hinein. Sein Lebensweg führt ihn nach einer Vergewaltigung ins Gefängnis, wo ihm der letzte Rest von Menschlichkeit abhanden kommt. Als sich die beiden Geschichten kreuzen, kann es nur zur Katastrophe kommen. Und im Mittelpunkt steht, ohne es zu wissen, Heather.

Cover und Titel

Ich liebe das Cover von “Alles über Heather” – es war Liebe auf den ersten Blick. Der schlichte weiße Hintergrund, auf den in Großbuchstaben Titel und Autor prangen, die farblich so gestaltet sind, dass sie das Bild einer jungen Frau/ eines Mädchens ergeben, haben mich magisch angezogen. Damit unterscheidet sich das Buch wesentlich von den üblichen farbenfrohen Covermotive, die meist aus einem Hintergrundfoto und dem Titel darauf bestehen. Hier ist es quasi umgekehrt. Durch die dezente Verwendung des Fotos bleibt dem Leser genügend Freiraum für seine Phantasie hinsichtlich der Hauptfigur Heather und trotzdem fällt einem dieses Cover sofort ins Auge.
Der Titel “Alles über Heather” ist an den Originaltitel “Heather, the totality” angelehnt und ist in meinen Augen ein guter Köder für den Inhalt des Buches, wenngleich er den Kern des Romans in meinen Augen nicht wirklich trifft.

 

Mein Eindruck

Eine packende Geschichte auf nur 144 Seiten? “Wie soll das gehen?” habe ich mich gefragt, als ich das vorbestellte, dünne Büchlein in den Händen hielt. Als ich es nämlich aufgrund vielversprechenden Klappentextes bestellte, habe ich gar nicht auf den Umfang acht gegeben. Im Nachhinein ist das als echter Glücksfall einzustufen, weil ich “Alles über Heather” wohl dann wieder von der Leseliste gestrichen hätte.

Der Einstieg in die Geschichte um Heather und ihre Eltern fiel mir sehr leicht. Auffällig war dabei die sehr einfache Sprache, derer sich Matthew Weiner bedient und die bei mir zunächst für Irritationen sorgte. Man gewöhnt sich allerdings recht schnell daran bzw. wird rasch deutlich, dass diese Art von Geschichte auch gar keinen ausschweifenden, blumigen Erzählstil vertragen würde. Von Beginn an schwingt latent etwas Unheilvolles mit. Als Leser wird man das Gefühl nicht los, dass einen am Ende des Buches eine Katastrophe erwartet, obwohl zu Beginn des Buches nichts darauf hindeutet (den Klappentext ausgenommen).

Dem Autor gelingt es durch einen exzellenten Spannungsbogen den Leser bis zuletzt im Unklaren zu lassen wie dieses Buch endet. Die Fährte wird immer wieder falsch gelegt und das ohne aufwendig konstruierte Wirrungen oder zig Nebencharaktere. Vieles bleibt ungesagt und trotzdem geht Matthew Weiner bei seinen Figuren in die Tiefe, was in Anbetracht des geringen Umfangs wirklich erstaunlich ist. Allein durch die Perspektivwechsel zwischen Heather und ihrer Familie und einem zunächst völlig Unbekannten, in dessen Leben der Leser förmlich katapultiert wird und sich unweigerlich fragt “Was spielt der denn jetzt für eine Rolle?” wird eine spannungsgeladene, unheilvolle Stimmung erzeugt. Es gibt demnach zwei parallel verlaufende Handlungsstränge: Der umfangreichere Part ist einen Blick hinter die Fassade einer scheinbar perfekten “Vater-Mutter-Kind”-Familie in deren Zentrum das Kind, nämlich Heather, steht. Der zweite Handlungsstrang (der zwangsläufig irgendwann mit dem ersten kollidiert) gibt einen Einblick in das Leben Bobbys, der den Gegenentwurf zu dieser perfekten Familie bildet. Er lebt allein, saß bereits im Gefängnis und ist eindeutig auf der Verliererseite des Lebens anzusiedeln.

Diese Gegenüberstellung der beiden Lebensweisen empfand ich in manchen Aspekten zu klischeehaft. Es lässt sich hier schwer ins Detail gehen ohne zu viel vom Inhalt zu verraten, aber gerade die Figur des Bobby hätte ich mir noch etwas differenzierter ausgearbeitet gewünscht. Während man bei Heathers Familie ein messerscharfes Portrait einer amerikanischen Großstadt-Kleinfamilie erhält, das nicht viele Worte benötigt, kommt die Figur des Bobby ein wenig zu kurz und verliert sich ein wenig in “Verlierer”-Klischees.

Mein Fazit:

Matthew Weiner zeigt auf beeindruckende Weise, dass ein guter Roman nicht immer über 400 Seiten umfassen muss. Mit wenigen, wohlüberlegten Worten liefert er mit “Alles über Heather” eine Geschichte, die spannend ist wie ein Thriller und durch exzellent ausgearbeitete Charakterstudien beste Unterhaltung bietet, die in einem überraschenden und damit perfekten Ende gipfelt.

 

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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