|Rezension| Blue Sisters – Coco Mellors
Vier Schwestern. Eine Lücke, die bleibt.
„Das ist Familie, dachte sie traurig, Wurzel von Trost und Chaos zugleich.“ (S.246)
Inhalt
Drei ungleiche Schwestern, wo zuvor vier waren: Ein Jahr nach Nickys Unfalltod treffen sich Avery, Bonnie und Lucky in New York wieder, um den Verkauf ihres Elternhauses zu verhindern. Doch Nicky hat eine solche Lücke hinterlassen, dass die übrigen drei nacheinander völlig aus der Bahn geraten. Gelingt es ihnen, aus dem existenziellen Scherbenhaufen gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen?
Mein Eindruck
Schon „Cleopatra und Frankenstein“ von Coco Mellors hat mir gut gefallen – zwar mit ein paar kleinen Einschränkungen, aber doch so gut, dass für mich schnell feststand: Auch „Blue Sisters“ möchte ich lesen, zumal mich die Thematik “Trauer/Tod” in Romanen immer sehr interessiert.
Im Mittelpunkt stehen vier erwachsene Schwestern: Avery, Bonnie, Nicky und Lucky. Als Nicky stirbt, müssen die drei anderen mit dem Verlust klarkommen – was keiner von ihnen wirklich gelingt. Nach einer kurzen Einführung in die Charaktere der vier Schwestern wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven von Avery, Bonnie und Lucky erzählt. Nicky hingegen bleibt außerhalb dieser Perspektiven und wird nur von außen beschrieben. Diese Erzählweise hat mir gut gefallen, weil sie deutlich macht, das eine Leerstelle bleibt und die Schwestern sich eben nur (unterschiedlich) an Nicky erinnern können.
Auch wird durch diese Erzählweise sehr deutlich, dass eine gemeinsame Kindheit noch lange nicht bedeutet, dass Geschwister dieselben Erinnerungen daran haben. Coco Mellors zeigt sehr eindrücklich, wie unterschiedlich prägende Erlebnisse wahrgenommen werden können und wie verschiedene Lebenswege daraus entstehen. Die Beziehungen zwischen den Schwestern sind entsprechend ambivalent und vielschichtig: Sie sind geprägt von Liebe und Verbundenheit, aber ebenso von Rivalität, Verletzungen und alten Konflikten.
Jede der Blue-Schwestern trägt ihr eigenes Päckchen an Erfahrungen und Traumata mit sich herum. Ein Thema zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte: Sucht. Sie nimmt viel Raum ein. Das sollte man wissen, bevor man sich auf den Roman einlässt, da die Drogenmissbrauchsexzesse auch sehr detailiert und häufig beschrieben werden. Sehr gut gefallen hat mir allerdings, wie realistisch und frei von Klischees Coco Mellors damit umgeht. Auch die anderen Themen wie Trauer, Endometriose oder unterschiedliche Formen von Liebe werden differenziert und mit viel Feingefühl behandelt.
Obwohl das Leben der vier Schwestern ziemlich weit von meiner eigenen Lebenswirklichkeit entfernt ist, konnte ich mich erstaunlich gut in die Figuren hineinfühlen. Keine von ihnen ist einfach auf eine Rolle zu reduzieren, und gerade diese Widersprüchlichkeit macht sie so interessant. Besonders gefreut hat mich, dass alle drei Schwestern eine deutliche Entwicklung durchmachen. Sie stellen sich ihrer Vergangenheit und müssen herausfinden, wie sie nach diesem Verlust weiterleben wollen.
Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt. Coco Mellors schreibt präzise, emotional und voller kluger Sätze, die ich am liebsten immer wieder markiert hätte.
Und dann ist da noch die doppeldeutige Titelgebung, die ich sehr mag: „Blue Sisters“ verweist natürlich auf den Familiennamen der vier Schwestern, gleichzeitig bedeutet „blue“ aber auch traurig oder melancholisch. Die Blue Sisters sind also nicht nur die Schwestern mit dem Nachnamen Blue, sondern eben auch die traurigen Schwestern. Ein schönes Wortspiel, das wunderbar zum Roman passt. Wie gut, dass der Eichborn Verlag hier den Original-Titel beibehalten hat!
Mein Fazit:
„Blue Sisters“ ist ein berührender und klug erzählter Familienroman über Trauer, Sucht, Prägung und die komplizierte Liebe zwischen Geschwistern. Coco Mellors zeichnet ihre Figuren mit großer Genauigkeit und zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich Menschen mit derselben Familiengeschichte umgehen können. Sprachlich brillant und voller kluger Gedanken ist dieser Roman damit für mich noch einiges stärker als „Cleopatra und Frankenstein“.