|Rezension| Die einzige Geschichte – Julian Barnes

von | Mrz 6, 2019 | 0 Kommentare

Die faszinierende Demontage einer großen Liebe

Übersetzung: Gertraude Krueger
Originaltitel: The only story
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Ebook: 16,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14.02.2019
Seiten:  304

„Ein Eintrag in seinem Notizbuch lautete natürlich: ‘Es ist besser, die Liebe erfahren und verloren zu haben, als nie geliebt zu haben’. Das blieb ein paar Jahre so stehen; dann strich er es durch. Dann schrieb er es wieder hin; dann strich er es wieder durch. Jetzt standen beide Einträge nebeneinander, einer klar und wahr, der andere durchgestrichen und falsch.“ (S.235)

Inhalt

Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von neunzehn keine Ahnung. Mit neunzehn ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, fast 30 Jahre älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die diese Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.
»Die einzige Geschichte« ist ein tief bewegender Roman über die Liebe. Nach »Der Lärm der Zeit« und »Vom Ende einer Geschichte« beweist Bestseller-Autor und Man Booker Prize-Träger Julian Barnes aufs Neue, dass er ein Meister im Ausloten menschlicher Abgründe ist

Mein Eindruck

Wenn die erste Seite eines Romans dazu führt, dass du Mann und Kinder links liegen lässt, obwohl du “nur mal kurz” reinlesen wolltest, dann muss es eine verdammt gute erste Seite sein. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es die beste erste Seite ist, die ich jemals gelesen habe. Sie besteht aus gerade einmal 16 Zeilen, in die Barnes so viel Kluges, Wahres und Eindrückliches über die Liebe sagt, dass es unmöglich ist, “Die einzige Geschichte” nach diesen 16 Zeilen wieder aus der Hand zu legen.

Ist diese Geschichte also wirklich so einzigartig wie ihr Titel verheißt? Haben wir nicht schon zig Mal von einem Jungen gelesen, der sich in eine ältere Frau verliebt? Sicher haben wir das, aber wie Julian Barnes diese Geschichte erzählt, ist in der Tat einzigartig. Das fängt schon beim Schreibstil an, der nicht nur – wie immer bei Barnes – genau auf den Punkt ist, intelligent, fesselnd und poetisch, sondern auch dadurch hervorsticht, dass er den Leser immer wieder miteinbezieht und direkt anspricht. Immer wieder schweift er von der eigentlichen Erzählung über die Liebe zwischen einem jungen Mann (Paul) und einer verheirateten Frau mittleren Altes (Susan) ab, philosophiert und sinniert dabei über die Liebe. Diese Reflexionen sind mindestens genauso spannend wie der eigentliche Plot. Zig Textstellen habe ich markiert und einige Sätze aus diesem Buch sind so eindrücklich, dass ich sie wohl nie wieder vergessen werde.

Barnes schreibt wie kein anderer über die erste Liebe und deren Rauschhaftigkeit. Er lässt den Leser im ersten Teil des Buches an diesem Rausch genauso teilhaben wie an den Schattenseiten dieser Liebe, die er im zweiten Teilen thematisiert, bevor er im dritten Teil zeigt, welche Auswirkungen die erste Liebe auf das weitere Leben beider Beteiligten hat. Alle drei Teile sind auf ihre Art brillant: Während man im ersten Teil viel beim Lesen schmunzelt und sich an der Verliebtheit des Protagonisten berauscht, taucht man im zweiten Teil in das Alltagsleben von Susan und Paul ein. Man bemerkt wie allmählich die ersten Wolken aufziehen und spürt das Unheil kommen, welches letztlich im dritten und wohl traurigsten Teil im Fokus steht.

Paul und Susans Geschichte ist durch ihre Unvorhersehbarkeit nicht nur ausgesprochen spannend, sondern es ist vor allem die Art wie Paul über die Beziehung in Rückblenden sinniert, die diesen Roman ausmachen. Sehr sensibel und ohne jeglichen Pathos oder Kitsch schreibt Barnes über die Liebe, versucht sie zu fassen, zu beschreiben und zu definieren, was keinem anderen so poetisch gelingt wie ihm.

Mein Fazit:

“Die einzige Geschichte” ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Sie ist klug, rührend, komisch, traurig und stilistisch großartig, damit zweifelsohne eines der wenigen Bücher, bei denen ich der Meinung bin, dass es VERDAMMT NOCHMAL JEDER LESEN SOLLTE!

 
Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
Weitere Rezensionen zum Buch:
Share This