|Rezension| Die Glücklichen – Kristin Bilkau

von | Mrz 5, 2017 | 1 Kommentar

Ein perfekter Roman – nur nicht für mich.

Verlag: btb
Taschenbuch: 9,99 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 09.01.2017
Seiten: 304

„Das ist wieder einer dieser Momente, wenn etwas schmerzhaft schön ist und alles eine Einheit bildet. Sie, das Kind, die Wärme, die Ruhe, in solchen Momenten kann sie ein leises Ticken hören; dieser Moment wird nicht bleiben, sie wird ihn verlieren, vielleicht vergessen, sie und ihr Kind, das ist jetzt, nur jetzt, sie muss diesen Moment halten. Dieser gemeinsame Schlummer, diese Stunde wird ein Ende haben, es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.” (S.134)

Worum geht´s?

sabell und Georg sind ein Paar. Ein glückliches. Wenn die Cellistin Isabell spätabends von ihren Auftritten mit dem Orchester nach Hause geht oder der Journalist Georg von seinem Dienst in der Redaktion auf dem Heimweg ist, schauen sie oft in die Fenster fremder Wohnungen, dringen mit ihren Blicken in die hellen Räume ein. Bei abendlichen Spaziergängen werden sie zu Voyeuren. Regalwände voller Bücher, stilvolle Deckenlampen, die bunten Vorhänge der Kinderzimmer. Signale gesicherter Existenzen, die ihnen ein wohliges Gefühl geben. Das eigene Leben in den fremden Wohnungen erkennen. Doch das Gefühl verliert sich.

Mit der Geburt ihres Sohnes wächst nicht nur ihr Glück, sondern auch der Druck und die Verunsicherung. Für Isabell erweist sich die Rückkehr in ihren Beruf als schwierig: Während des Solos zittern ihre Hände, nicht nur am ersten Abend, sondern auch an den folgenden. Gleichzeitig verdichten sich in Georgs Redaktion die Gerüchte, der Verlag würde die Zeitung verkaufen. Währenddessen wird ihr Haus saniert. Im Treppenhaus hängt jetzt ein Kronleuchter, im Briefkasten liegt eine Mieterhöhung. Für die jungen Eltern beginnt damit ein leiser sozialer Abstieg. Isabell und Georg beginnen mit einem Mal zu zweifeln, zu rechnen, zu vergleichen. Jeder für sich. Je schwieriger ihr Alltag wird, desto mehr verunsichert sie, was sie sehen. Die gesicherten Existenzen mit ihren geschmackvollen Wandfarben sagen jetzt: Wir können, ihr nicht. Was vertraut und selbstverständlich schien – die Cafés, Läden, der Park, die Spielplätze mit jungen Eltern –, wirkt auf einmal unzugänglich. Gegenseitig treiben sich Isabell und Georg immer mehr in die Enge, bis das Gefüge ihrer kleinen Familie zu zerbrechen droht.

Cover und Titel

“Die Glücklichen” ist ein Titel, der mich sofort angesprochen hat: schlicht, einprägsam und vielversprechend. Zusammen mit dem Hintergrundbild, das überwiegend aus grauem Himmel und an den oberen und unteren Enden aus der Skyline einer Stadt besteht, wirkt es sehr seriös und anspruchsvoll. Das Stadt-Motiv ist ein erster Hinweis auf die Thematik im Buch und macht außerdem deutlich, dass es sich hier nicht – wie man bei diesem Titel vermuten könnte – um einen Liebesroman handelt.

Mein Eindruck

Ich habe ingesamt drei Wochen an “Die Glücklichen” gelesen. Das spricht wohl nicht gerade für diesen Titel. Es fällt mir dieses Mal schwer in Worte zu fassen, woran das lag. Denn eigentlich ist dies ein sehr gutes Buch – wohl nur nicht für miier ner) ch.

Kristin Bilkau beschreibt in “Die Glücklichen” wie eine moderne und glückliche Kleinfamilie durch äußere Umstände mit dem sozialen Abstieg kämpft. Diesen Kampf tragen die beiden Protagonisten auf sehr unterschiedliche Weise aus, was sie aber wiederum gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie irgendwann aufhören mit dem anderen zu reden. Beide verlieren unabhängig voneinander ihre Jobs. Während Isabell die Augen vor dem Unvermeidlichen (Verlust des Einkommens hat früher oder später den Verlust des Zuhauses zur Folge) verschließt, sucht Georg nach Alternativen, die – vorsichtig formuliert – bei seiner Frau allerdings keinen Anklang finden.

Es ist kein leichtes Thema, dass die Autorin in ihrem Roman mit dem wohl eher provokativ gemeinten Titel “Die Glücklichen (denn glücklich ist hier niemand), verarbeitet. Und hier lag für mich das erste Problem beim Lesen: Der Großteil der Geschichte ist in einem sehr melancholischen, schwermütigen und fast schon depressiven Ton verfasst. Das ist angesichts der dargestellten Situation natürlich verständlich, aber mich hat es wirklich sehr runtergezogen, so dass ich dieses Buch nur in geringen Dosen konsumieren konnte. Lichtblicke zwischen all dieser Tristesse waren die Momente, in denen Matti, der Sohn von Isabell und Georg, thematisiert wurde. Die Glücksgefühle, Zufriedenheit und Wärme, die einen als Eltern beim Anblick des Kindes durchströmt, wurden sehr lebensecht und nachfühlbar thematisiert. Während beide Eheleute sich immer weiter entfremden, ist es die Liebe zu ihrem Kind, die sie gemeinsam haben.

Die Geschichte ist eher handlungsarm. Wer viel Spannung und Dramatik erwartet, wird hier wohl enttäuscht. Es sind die leisen Töne, die diesen Roman ausmachen. Mit klarer Sprache, die mir sehr gut gefallen hat, zeichnet Kristin Bilkau ein sehr einfühlsames, ehrliches und vor allem analytisches Bild der mittdreißiger Generation. Beide Protagonisten kommen aus der Mittelschicht, haben studiert und in künstlerisch-kulturellen Berufen gearbeitet. Sie sind nicht die typischen Sympathieträger und vermutlich gerade deshalb erkennt man sich in Ansätzen in ihnen wieder: Isabells Stolz, der sie daran hindert, sich mit ihrem Problemen ihrem Mann anzuvertrauen; Georgs Idealismus, der ihn scheinbar lukrative Jobangebote ablehnen lässt.

Das Ende des Romans fand ich überraschend – überraschend gut, so dass mich dieser melancholische Roman letztlich doch mit einem positiven Gefühl zurücklässt.

Mein Fazit:

“Die Glücklichen” ist ein sehr authentisches und einfühlsames Porträt der Mittdreißiger-Generation des 21.Jahrhunderts, in dem es darum geht wie man mit der Angst vor dem sozialen Abstieg umgeht, welche Auswirkung sie auf eine kleine Familie hat, deren Mitglieder auf verschiedene Weise mit der neuen Situation umzugehen versuchen. Theoretisch – das reine schriftstellerische Können der Autorin beurteilend – ist dieser Roman großartig. Mir persönlich war er aufgrund seiner Handlungsarmut und des schwierigen Themas zu deprimierend.

 

Vielen Dank an das Bloggerportal und den btb Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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