|Rezension| Die Riesinnen – Hannah Häffner

von | Feb. 25, 2026 | 0 Kommentare

Einer der besten Romane, die ich je gelesen habe!

Verlag: Penguin
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 21,99 Euro
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
Seiten: 416

„Wer auch immer versucht, erwachsen zu werden und dabei nicht auf unlösbare Widersprüche zu stoßen, wird scheitern. Das Erwachsenwerden, das, wenn man ehrlich ist, vor dem Tod kein Ende findet, ist für unlösbare Widersprüche gemacht.“ (S.357)

Inhalt

Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

In dunkler, satter, aber auch zarter Poesie erzählt Hannah Häffner mit stilistischer Präzision, feinem Humor und einer subtilen Beobachtungsgabe die Geschichte dreier Frauen, die sich von den 60-er Jahren bis in unsere Zeit spannt. Ein lange nachhallender Roman über die Sehnsucht nach Freiheit und Wurzeln, über Mütter und Töchter und über die Kraft der Natur.

Mein Eindruck

Ich mache es kurz – und dann doch nicht: „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner hat mich komplett erwischt. So sehr, dass ich innerlich schon meine Liste der Lieblingsbücher neu sortiere. Dieses hier gehört da rein. Ohne Diskussion.

Und fast wäre es nie dazu gekommen. Titel und Cover hätten mich ehrlich gesagt nicht sofort angesprochen. Ich hätte dahinter eher einen Fantasyroman vermutet. Zum Glück gibt es diese Menschen (in meinem Fall: Simone – DANKE!), die einem Bücher nicht nur empfehlen, sondern sie einem quasi mit Nachdruck in die Hand drücken. Manchmal braucht es genau das.

Häffner erzählt in ihrem Roman von drei Generationen rothaariger Frauen in einem kleinen, konservativen Schwarzwaldort. Dieser wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Autorin streut nur sparsam Hinweise darauf, in welchem Jahrzehnt wir uns gerade befinden und genau das verleiht dem Roman eine wahnsinnig interessante Ausgangslage, die ich lange versucht habe, für mich einzuordnen. Die Geschichte könnte gestern spielen. Oder vor fünfzig Jahren. Oder immer. 

Denn sie erzählt etwas, das seit Jahrhunderten geschieht: Menschen – in diesem Fall Frauen – werden ausgegrenzt, weil sie (vermeintlich) anders sind, anders aussehen, nicht in ein Raster passen. Neu ist das Thema nicht. Neu ist die Art, wie Hannah Häffner es literarisch gestaltet.

Vor allem die Darstellung weiblicher Solidarität hat mich tief beeindruckt. Nicht kitschig, nicht harmonisch verklärt, nicht laut kämpferisch. Die Beziehung zwischen Großmutter, Mutter und Enkelin ist geprägt von Reibung, von Distanz und von Schweigen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – bleibt da eine Verbindung. Eine leise, hartnäckige Solidarität, die nicht aus perfekten Gesprächen entsteht, sondern aus geteilter Erfahrung. Wer einmal gelernt hat, wie es ist, beobachtet, bewertet, normiert zu werden, erkennt dieses Gefühl auch im Leben der nächsten Generation wieder. Das hat mich sehr berührt. 

Und auch wenn das Schwarzwalddorf die atmosphärisch dichte Kulisse dieses Romans bildet, braucht es keine Schwarzwald-Affinität, um diese Geschichte zu lieben. Sie funktioniert weit über ihren konkreten Ort hinaus.

Und dann diese Sprache. So poetisch, dass ich immer wieder innehalten wollte. Sätze markieren. Zurückblättern. Noch einmal lesen. Häffner schreibt bildreich, aber nie überladen. Ihre Metaphern wirken nicht wie literarischer Schmuck, sondern wie etwas, das ganz selbstverständlich aus den Figuren heraus entsteht. Man spürt in jedem Absatz eine große sprachliche Präzision – kein Wort zu viel, keines zufällig gesetzt.

Besonders beeindruckt hat mich, wie sie für jede der drei Frauen eine eigene sprachliche Welt findet. Die Perspektiven unterscheiden sich spürbar im Rhythmus, in der Bildlichkeit, in der Art, wie Gedanken formuliert werden – und doch fügt sich alles zu einem stimmigen Ganzen. Die Sprache trägt die Geschichte nicht nur, sie vertieft sie. Sie macht das Ungesagte greifbar, das Schweigen hörbar, die Verletzungen sichtbar.

Mein Fazit:

„Die Riesinnen“ ist für mich ein Roman, der bleibt. Einer, über den ich noch lange nachdenken werde. Und einer, den ich vermutlich noch sehr oft empfehlen werde. Weil er leise ist und gleichzeitig kraftvoll. Weil er von drei sehr besonderen Frauen erzählt –  und doch von so viel mehr. Von Herkunft, von Lebensträumen, von dem, was über Generationen weitergegeben wird, ob man will oder nicht. Und weil Hannah Häffner es schafft, aus einer scheinbar kleinen Geschichte etwas Universelles zu machen. Dieses Buch hat mich nicht laut beeindruckt. Es hat sich langsam in mir festgesetzt. Und genau deshalb wird es bleiben.

 
Vielen Dank an den Penguin Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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