|Rezension| Ein weites Leben – M.L. Stedman
Eine Geschichte über alles, was das Leben ausmacht…
„Wenn du genauer darüber nachdenkst, ist das Leben doch für jeden ein Gefängnis. Ein Knast aus Lebenszeit, sozusagen. Ich denke mal, der Trick besteht darin, dich in deinem Knast wohlzufühlen, wie auch immer der aussieht. Innen drin deine Freiheit zu finden.“ (S.327)
Inhalt
Seit Generationen lebt die Familie der MacBrides auf der entlegenen Schaffarm Meredith Downs in Westaustralien. Bis eines Tages ein Unfall alles ändert. Während der Vater und der älteste Sohn ihr Leben verlieren, übersteht der 17-jährige Matthew das Unglück mit schweren Beeinträchtigungen. Und doch findet er zielstrebig zurück nach Meredith Downs, zurück zu Mutter und Schwester, als das Schicksal ein zweites Mal zuschlägt. Aber diesmal steht nicht nur Matts Leben auf dem Spiel, sondern seine Seele – und zwar auf eine Weise, die kaum jemand vorhersehen, geschweige denn hätte überleben können.
Mein Eindruck
Niemals hätte ich dieses Buch gelesen, wenn es nicht von M. L. Stedman verfasst worden wäre. Ihren letzten Roman “Das Licht zwischen den Meeren”, der vor inzwischen 13 Jahren auf Deutsch erschienen ist, fand ich allerdings wahnsinnig gut – so gut, dass ich neugierig auf “Ein weites Leben” war, obwohl das Setting so gar nicht meinem üblichen Beuteschema entspricht. Eine Schaffarm im Westaustralien der 1950er Jahre? Dazu mehr als 500 Seiten? Das klang ehrlich gesagt eher nach einem Buch, an dem ich irgendwann entnervt scheitern würde. Gerade solche umfangreichen Romane verlieren sich für meinen Geschmack oft in Längen.
Zum Glück wurde ich von “Katjaliest” vorgewarnt, dass der Einstieg etwas holprig ist. Ohne diesen Hinweis hätte ich den Roman vermutlich nach fünfzig Seiten zur Seite gelegt – und damit wirklich etwas verpasst. Denn wenig später entfaltet diese Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Damit ist “Ein weites Leben” das, was man einen perfekten Schmöker nennt: ein Buch, in dem man für Tage verschwindet und aus dem man erst wieder auftaucht, wenn die letzte Seite gelesen ist. Man merkt, wie viel Arbeit in diesem Buch steckt. Nicht ohne Grund liegen zwischen der Veröffentlichung ihres ersten und zweiten Romans 13 Jahre.
Ein weites Leben begleitet die Farmerfamilie McBride über mehrere Jahrzehnte hinweg und verbindet persönliche Schicksale mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen Australiens vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 2000. Dabei erzählt Stedman von Schuld und Unschuld, von Zufällen, die ganze Leben zerstören oder neu formen können, von Verlust, Liebe und all den Dingen, die das Leben groß, tragisch, überwältigend oder manchmal kaum erträglich machen. Und apropos “kaum erträglich”: Nicht nur einmal musste ich beim Lesen bewusst pausieren, um das Gelesene sacken zu lassen. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ich nach der Lektüre sicher eine Traumatherapie brauche. So viel muss man konstatieren: Die Geschichte um Matt McBride ist nichts für zartbesaitete.
Was bei einer schwächeren Autorin leicht in Richtung kitschiger Familiensaga hätte kippen können, wird durch Stedmans feines Gespür für Sprache und Zwischentöne zu einem tief bewegenden Roman. Ihre Sprache ist detailreich, einfühlsam und stellenweise fast poetisch, ohne jemals ins Sentimentale abzurutschen.
Beeindruckt hat mich außerdem, wie durchgehend fesselnd dieser Roman trotz seiner 528 Seiten bleibt. Die Erzählung erstreckt sich über Jahrzehnte und verliert dennoch nie an Spannung: Genau das ist vermutlich die größte Kunst an diesem Buch. Nebenbei erfährt man auch noch unglaublich viel über das harte Leben der Farmer im australischen Outback, über die Bedrohung ihres Landes durch das Wetter und Bergbaugesellschaften sowie über die gesellschaftlichen Konventionen jener Zeit.
Mein Fazit:
Ein weites Leben ist ein epischer, atmosphärischer und tief bewegender Gesellschaftsroman, der lange nachhallt. Trotz des etwas zähen Einstiegs entwickelt sich die Geschichte zu einem intensiven Leseerlebnis voller Tragik, Wärme und Menschlichkeit. Ein Roman, in dem man sich komplett verlieren kann und mit dem M.L. Stedman eindrucksvoll beweist, dass Qualität Zeit braucht.