|Rezension| Eine Seite noch – Meike Winnemuth
Lesen, lieben, weiterlesen!
„Jedes Buch löst einen Vergleichsreflex aus: Ich auch. Ich nicht. Ich ganz anders, ich so ähnlich.“ (S.26)
Inhalt
Es gibt Bücher, an denen man wächst und solche, an denen man scheitert. Bücher, die einen begeistern, gefangen nehmen, nicht mehr loslassen. Die einen empören, verstören, überfordern, zum Lachen oder zum Weinen bringen. Bestsellerautorin Meike Winnemuth ist zurück und widmet sich nach Weltreise und Garten einer weiteren Passion: dem Lesen. Von Seneca über Tolstoi zu Virginia Woolf und Sally Rooney, von der Bibel bis Fourth Wing liest sie einen Sommer lang alles, was ihr in die Finger kommt. Erfreut sich an Selbstversuchen, trifft andere Leseverrückte, unternimmt Ausflüge in die weite Welt der Literatur. Und findet dabei, was sie nicht gesucht hat. Befindet: Lesen macht das Leben eine Nummer größer. Es schenkt Verbundenheit über alle Grenzen hinweg. Und doch lesen zwei Menschen nie dasselbe Buch.
Mein Eindruck
Ich habe bisher noch nichts von Meike Winnemuth gelesen, bin aber immer neugierig auf Bücher, in denen es um Bücher geht oder genauer gesagt um die Leidenschaft fürs Lesen. Entsprechend gespannt war ich auf „Eine Seite noch“. Und schon bevor man mit dem Lesen beginnt, macht das Buch einiges richtig: Es ist wunderschön gestaltet und passt damit ganz hervorragend zu seinem Thema.
Meike Winnemuth nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in einen Lesesommer, der sich von Mai bis Oktober erstreckt. Die Kapitel sind nach Monaten unterteilt, am Ende jedes Kapitels gibt es eine Liste der Bücher, die sie gelesen oder gehört hat. Doch „Eine Seite noch“ ist natürlich weit mehr als eine bloße Lektüreliste. Winnemuth erzählt davon, warum sie zu bestimmten Büchern greift, wie sie ihre Lektüre auswählt und sortiert und wie ihr Alltag als Leserin aussieht. Gleichzeitig verknüpft sie ihre Leseerfahrungen immer wieder mit persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen aus ihrem eigenen Leben.
Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl: Dieses Buch erzählt nicht einfach nur vom Lesen: es lebt es. Winnemuth schreibt sehr persönlich über ihre Leseerfahrungen und zeigt dabei, wie unterschiedlich und individuell Literatur wirken kann. Ein Buch kann uns begleiten, trösten, herausfordern, langweilen, begeistern oder genau im richtigen Moment begegnen. Und manchmal erzählt es uns sogar mehr über uns selbst als über die Geschichte, die zwischen seinen Buchdeckeln steckt.
In vielem habe ich mich erstaunlich gut wiedergefunden. Zum Beispiel in der Lese-Biografie: das Einzelkind-Dasein, in dem Bücher früh zu wichtigen Begleitern wurden, dann einige Jahre, in denen das Lesen irgendwie verloren ging, und schließlich die Wiederentdeckung dieser ganz besonderen Liebe zu Büchern. Auch sonst gab es immer wieder Momente, in denen ich dachte: Ja, genau so geht es mir auch. Ich habe bisher allerdings trotz Germanistik-Studium immer noch nichts von Thomas Mann gelesen. Allerdings bin ich auch erst 40. Vielleicht im nächsten Thomas Mann-Jahr…
Überhaupt steckt in diesem Buch unglaublich viel Wissen. Ich kann gar nicht auf alles eingehen, was mir gefallen hat: so viele kluge Gedanken, tolle Sätze oder auch Verweise auf Bücher, die ich bisher noch nicht kannte. Besonders interessant fand ich die Gedanken anderer Schriftsteller:innen oder Literaturwissenschaftler:innen darüber, was beim Lesen eigentlich passiert. Aber keine Sorge: Winnemuth macht daraus keinen trockenen literaturwissenschaftlichen Exkurs, sondern fügt die vielen Stimmen so selbstverständlich in ihre eigenen Überlegungen ein, dass man ganz nebenbei jede Menge dazulernt.
Und natürlich bekommt man dabei auch reichlich Inspiration für die eigene Leseliste. Wer Klassiker der Weltliteratur liebt oder sich gern einmal an Bücher wagt, die schon lange auf dem berühmten „Muss ich unbedingt noch lesen“-Stapel liegen, dürfte hier einiges entdecken. Gleichzeitig ist „Eine Seite noch“ aber kein Buch, das Menschen unbedingt zum Lesen bekehren möchte. Dafür setzt es eine gewisse Begeisterung für Literatur schon voraus und bewegt sich häufig in Gefilden der Weltliteratur, die für manche vielleicht eher abschreckend wirken. Stichwort: „Ulysses“.
Für Menschen mit bibliophiler Neigung dürfte das allerdings kaum ein Problem sein. Denn „Eine Seite noch“ ist ein kluges, unterhaltsames und erstaunlich beglückendes Buch. Eines, bei dem man ständig Bücher auf die eigene Wunschliste setzen, Gedanken markieren und zwischendurch einfach zustimmend nicken möchte. Und vielleicht ist das überhaupt das größte Kompliment, das man einem Buch über das Lesen machen kann: Nach der letzten Seite möchte man nicht aufhören zu lesen, sondern am liebsten sofort zum nächsten Buch greifen.
Mein Fazit:
„Eine Seite noch“ ist ein liebevoll gestaltetes Buch für Menschen, die Bücher lieben und für alle, die sich gern darüber Gedanken machen, warum sie das eigentlich tun. Es schenkt Inspiration, liefert jede Menge Hintergrundwissen und trifft erstaunlich oft genau den Punkt, an dem man sich als Leserin wiedererkennt. Menschen ohne große Liebe zu Büchern wird es vermutlich nicht plötzlich zu Leseratten machen. Wer aber selbst bibliophil veranlagt ist, wird sich in vielen dieser Seiten wiederfinden. Für mich war „Eine Seite noch“ jedenfalls eine ausgesprochen beglückende Lektüre – klug, lustig und voller Liebe zu dem, was Bücher mit uns machen können.