|Rezension| Hazel sagt Nein – Jessica Berger Gross
Über Grenzen, Mut und die Wellen eines einzigen Wortes
„Weil sie halbwegs bei Verstand war, wusste sie, wie viel beschissene Scheiße in Amerika passierte .“ (S.327)
Inhalt
In der Hoffnung auf ein ruhigeres Leben ziehen die Blums vom pulsierenden Brooklyn ins beschauliche Riverburg, wo Vater Gus nach herausfordernden Jahren endlich eine Professur ergattert hat. Doch der idyllische Schein trügt. Gleich an ihrem ersten Schultag wird die achtzehnjährige Hazel ins Büro des Direktors zitiert. Er verkündet ihr Unglaubliches: Jedes Jahr sucht er sich eine andere Schülerin aus der Abschlussklasse aus, mit der er eine sexuelle Beziehung eingeht. Dieses Jahr ist sie die Auserwählte. Instinktiv sagt Hazel Nein – und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Leben ihrer Familie, aber auch die gesamte Stadtgesellschaft auf den Kopf stellen…
Mein Eindruck
“Hazel sagt Nein” von Jessica Berger Gross habe ich auf Empfehlung gelesen. Der Titel hat mich vor allem wegen der Namensgeberin angesprochen, habe ich doch eine Schwäche für Hazels: Hazel Brugger, Hazel Grace Lancester aus “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” sind schon mal zwei Hazels, die ich bewundere. Zu ihnen gesellt sich nun Hazel Blum.
Hazel Blum bringt durch ein einziges „Nein“ einen riesigen Stein ins Rollen, der nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familienmitglieder, mit den Berg hinab purzeln lässt.
Der Einstieg ins Buch fiel mir nicht leicht. Obwohl die Autorin keine Zeit verliert und sofort mit der Situation beginnt, in der Hazel in ihrer neuen Schule zum Direktor gerufen wird – dem sie ein entschiedenes „Nein!“ entgegnet, als er ihr sagt, dass sie in diesem Jahr seine „Auserwählte“ sei – , war ich nicht sofort gefesselt. Ich kam anfangs nicht richtig in den Lesefluss, kann aber gar nicht beschreiben, woran es lag. Das besserte sich allerdings nach etwa einem Drittel deutlich. Ich mochte Hazels schnoddrigen Ton und fand es spannend, dass wir nicht nur ihre Perspektive kennenlernen, sondern auch Einblicke in die Gedanken ihres Bruders Wolf sowie ihrer Eltern Gus und Claire bekommen. Während ich Wolf unweigerlich in mein Herz geschlossen habe, blieben Hazels Eltern mir bis zum Ende fremd.
Herausragend an diesem Roman ist, wie sich die Autorin einem wichtigen Thema wie sexueller Übergriffigkeit nähert. Sie zeigt, wie schwierig es sein kann, Grenzen zu setzen, und welche Dynamik entstehen kann, wenn jemand den Mut hat, genau das zu tun. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr über Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen gesprochen wird, ist das ein relevantes und wichtiges Thema. Frauen werden zur Selbstbehauptung animiert, aber was passiert, wenn eine den Mut hat, sich selbst zu behaupten? Dieser Frage geht Jessica Berger Gross auf sehr originelle Art und Weise nach.
Dabei verliert sie meines Erachtens aber an manchen Stellen den Realitätsbezug. Einige Entwicklungen wirkten auf mich etwas konstruiert oder zu leicht gelöst, sodass die Geschichte gelegentlich weniger glaubwürdig erschien, als sie bei einem so ernsten Thema eigentlich sein müsste.
Neben sexueller Übergriffigkeit greift der Roman auch andere wichtige Themen auf, etwa Rassismus, Mobbing und ADHS. Dass diese Aspekte überhaupt Raum bekommen, finde ich grundsätzlich sehr gut. Gleichzeitig bleiben sie leider eher an der Oberfläche. Gerade hier hätte ich mir mehr Tiefe und eine intensivere Auseinandersetzung gewünscht.
Was mir wiederum sehr gefallen hat: Die Figuren bleiben nicht statisch. Wir begleiten sie dabei, wie sie sich entwickeln, wie sie mit Konflikten umgehen und an ihren Erfahrungen wachsen. Diese Entwicklungen zu beobachten, gehört für mich zu den stärkeren Seiten des Romans. Ebenfalls gut gefallen hat mir, dass trotz der ernsten Themen der Ton des Romans oft leicht und stellenweise sogar humorvoll ist, was die Lektüre zugänglich macht und manchmal aber auch dazu beiträgt, dass die Schwere der Themen etwas abgefedert wirkt.
Mein Fazit:
„Hazel sagt Nein“ erzählt eine wichtige Geschichte über Selbstbehauptung, gesellschaftliche Dynamiken und die Folgen eines einzigen Wortes. Auch wenn mir an einigen Stellen mehr Realismus und Tiefe gefehlt haben, ist es ein Buch, das zum Nachdenken anregt und zeigt, welche Auswirkungen ein „Nein“ haben kann. Besonders geeignet ist der Roman für Leser:innen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigen möchten und gern Figuren über längere Zeit bei ihrer Entwicklung begleiten.