|Rezension| Ich bin ich bin ich bin – Maggie O‘Farrell

von | Dez 28, 2018 | 0 Kommentare

Wenn doch jede Autobiografie so geschrieben sein könnte! 

Verlag: Piper
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.06.2018
Seiten:   256

„Die Menschen, von denen wir lernen, nehmen einen besonderen Platz in unserer Erinnerung ein. Ich war keine zehn Minuten Mutter, als der Mann zu mir kam, aber er lehrte mich mit einer einzigen kleinen Geste das fast Wichtigste am Elternsein: Zugewandtheit, Intuition, Berührung, und das man oft nicht einmal Worte braucht.“ (S.86)

Inhalt

Von Anfang an bestimmt der Tod ihr Leben: als Maggie O’Farrell im Alter von 8 Jahren beinah an einer unbekannten Virusinfektion starb. Als sie mit 15 aus Übermut und Freiheitsdrang einen törichten Fehler beging. Als sie in der Idylle des Lake District eine zutiefst verstörende Begegnung hatte. Oder als sie in einer unterbesetzten Klinik mit inkompetentem Personal bei der Geburt ihrer ersten Tochter fast gestorben wäre. An den unterschiedlichsten Orten, zu unterschiedlichen Zeiten lenkte der Tod Maggie O’Farrells Leben. Ihre tiefgründige, außergewöhnliche Geschichte stellt existenzielle Fragen: Wie würde ich handeln, wenn ich in tödliche Gefahr geriete? Was stünde für mich auf dem Spiel? Und, nicht zuletzt, wer würde ich danach sein?

Mein Eindruck

“Ich bin ich bin ich bin” ist eines dieser Bücher, das auf mich eine magische Anziehung ausübte und ich bis heute nicht genau begründen kann, warum. Weder das Cover ist besonders attraktiv, noch der Titel, bei dem man sich höchstens fragt, warum er so seltsam ist. Lediglich die Tatsache, dass es sich hier um eine Autobiografie handelt und der dazugehörige Klappentext, der siebzehn Berührungen der Autorin mit dem Tod verheißt, haben mich neugierig gemacht. Wie wahrscheinlich ist es schon, dass eine real existierende Person, die Mitte 40 ist, so viele Nahtod-Erlebnisse erfahren hat? 

Maggie O’Farrell benennt die Kapitel ihres Buches nach jeweils dem Körperteil, das in diesem Kapitel Schuld an der Berührung mit dem Tod war – ein origineller Ansatz, der mir gut gefällt und dadurch auch die Schwere des Themas etwas relativiert. Apropos schwere des Themas: Wer sich nicht an “Ich bin ich bin ich bin” herantraut, weil er/sie eine schwer verdauliche Lektüre befürchtet, den kann ich beruhigen: Trotz vieler wirklich erschütternder Erlebnisse, die hier geschildert werden und die einem durchaus den Atem rauben, ist dieses Buch ein lebensbejahendes, das den Fokus vom Tod wegrückt auf verschiedene Abschnitte ihres Lebens: das Erwachsenwerden, berufliche (Neu-)Orientierung, Beziehungen, Geburt, Mutterschaft und zum Schluss ihre Kindheit.

Besonders beeindruckt haben mich ihre Gedanken über das Muttersein, denn hier wird nichts verklärt, sondern authentisch beschrieben welchen Sorgen, Ängsten und Problemen die meisten, wenn nicht sogar alle Mütter ausgesetzt sind. Maggie O’Farrell erzählt von einer dramatischen und traumatischen Geburt, von Ärzten, die einem nicht zuhören und davon wie eine einzige Geste eines Fremden sie nachhaltig beeinflusst hat. 

Beim Lesen habe ich aufgrund des dichten und literarisch sehr ansprechenden Schreibstils der Autorin oft vergessen, dass es sich hier um eine Autobiografie handelt. Oft haben die Menschen zwar ein spannendes Leben, aber eben wenig Talent zu schreiben. Maggie O’Farrell hat beides. Sie schreibt sehr distanziert über ihre Erlebnisse, niemals dramatisieren oder hoch emotional. Trotz aller Schicksalsschläge und Situationen, in denen sie dem Tod von der Schippe gesprungen ist, schwingt stets Hoffnung in ihren Worten, die aber nie pathetisch sind.

Rückblickend gefällt mir übrigens der Klappentext zum Buch gar nicht mehr so sehr: Er ist so reißerisch und rückt “Ich bin ich bin ich bin” in ein falsches, pathetisches Licht. Dennoch muss ich zugeben, dass er seinen Zweck, mich neugierig auf das Buch zu machen, bestens erfüllt hat. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass die vielen klugen Sätze, die sie über das Frau- und Muttersein, über den Umgang mit Krankheiten und Schicksalsschlägen schreibt, auch in der Buchbeschreibung entsprechend gewürdigt werden.

Mein Fazit:

“Ich bin ich bin ich bin” ist die außergewöhnliche Biografie einer Frau, die alles Recht der Welt hätte, sich für die nächsten Jahrzehnte Zuhaúse einzuschließen und die Welt zu fürchten. Stattdessen blickt sie trotz ihrer vielen Berührungen mit dem Tod positiv in die Zukunft, macht dem Leser durch ihre Geschichte Mut und überzeugt durch einen für eine Autobiografie ungewöhnlich literarischen Schreibstil, der mich auf ganzer Linie überzeugt hat. Ich möchte unbedingt noch mehr von Maggie O’Farrell lesen! 

Vielen Dank an den Piper Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
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