|Rezension| Heimliche Zeilen – Clare Chambers
Die eine Entscheidung, die alles verändert
„Ich liebe Kirchen, im Gegensatz zur Kirche als Institution, die ich definitiv meide.“ (S.37)
Inhalt
Christopher Flinders führt ein unscheinbares Leben im ländlichen Yorkshire und pflegt mit Ausnahme seiner Ex-Frau Carol und seines exzentrischen Bruders Gerald wenig Kontakt zur Außenwelt. Kaum zu glauben, dass er einmal Träume vom Schreiben hatte, diesen Träumen sogar zum Greifen nahe gekommen war: entdeckt vom berühmten Lektor Owen Goddard und mitgerissen in eine neue Welt.
Damals hatte er sich zwischen Dinnerpartys und späten Schreibnächten in eine Frau verliebt, die ihm unerreichbar schien.
Was als naive Schwärmerei begann, ergriff mehr und mehr Besitz von ihm. Aus verstohlenen Blicken wurden Eingeständnisse, aus vieldeutigen Worten die ersten heimlichen Treffen. Und dann beging Christopher einen unverzeihlichen Fehler, der ihn sein ganzes weiteres Leben lang verfolgt – bis ihn zwanzig Jahre später eine Begegnung zwingt, sich der Vergangenheit zu stellen.
Mein Eindruck
Der Eisele Verlag ist für mich eigentlich ein ziemlicher Garant für gute Bücher – und auch „Heimliche Zeilen“ von Clare Chambers hat mich auf den ersten Blick angesprochen. Vor allem Titel und Cover haben sofort meine Neugier geweckt. Umso gespannter war ich, was sich dahinter verbirgt, auch wenn sich später zeigt, dass das Cover mit dem eigentlichen Inhalt nichts zu tun hat. Spannend und nachvollziehbar finde ich, dass man sich bei der deutschen Übersetzung gegen eine Übersetzung des Originaltitels “The Editor’s Wife” entschieden hat. “Heimliche Zeilen” passt meines Erachtens tatsächlich besser zum Buch, da die Geschichte viel mehr Themen hat als nur die Frau des Lektors, die zweifellos eine entscheidende Rolle spielt. Aber es geht eben auch um andere Themen wie z.B. die komplizierte Beziehung zweier Brüder zueinander. Da wird der eher offene Titel “Heimliche Zeilen” der Geschichte gerechter.
Der Einstieg fiel mir erfreulich leicht. Clare Chambers schreibt klar, zugänglich und mit einer angenehmen Ruhe, die einen schnell in die Geschichte hineinzieht. Die Szenen entstehen sehr lebendig vor dem inneren Auge, Dialoge wirken natürlich, fast so, als würde man ihnen direkt lauschen. Und immer wieder blitzt ein feiner, britischer Humor auf, der das Ganze wunderbar auflockert.
In Rückblenden entfaltet sich nach und nach die Lebensgeschichte von Christopher. Er ist eine sympathische Figur, die vor allem durch ihre Fehlbarkeit greifbar ist. Er ist kein Held, sondern ein Mensch, der Entscheidungen trifft, mit deren Konsequenzen er leben muss. Seine Entwicklung im Laufe der Jahre aufgrund von schwerwiegenden Entscheidungen, die er getroffen hat, ist glaubhaft erzählt und emotional gut nachvollziehbar.
Der Roman nimmt sich Zeit. Er ist kein lautes, kein temporeiches Buch, sondern eines, das sich ruhig entfaltet und dabei immer intensiver wird. Themen wie Toleranz, Vergebung und der Mut zum Scheitern ziehen sich durch die Geschichte, ohne je aufdringlich zu wirken.
Gleichzeitig gelingt es der Autorin, die Spannung durch unerwartete Wendungen aufrechtzuerhalten. Immer wieder gibt es Entwicklungen, die man so nicht kommen sieht, die die Geschichte in eine neue Richtung lenken, ohne dabei konstruiert zu wirken. Mit Ausnahme des Endes: Das war dann für meinen Geschmack alles ein bisschen zu stimmig. Aber es wird der Geschichte gerecht und entlässt die Figuren dort, wo man sie gut gehen lassen kann.
Mein Fazit:
„Heimliche Zeilen“ ist ein origineller, ruhig erzählter Roman über Lebenswege, Entscheidungen und das, was dazwischenliegt. Clare Chambers erzählt mit viel Empathie und einem Gespür für Zwischentöne von verpassten Chancen und neuen Möglichkeiten. Eine schöne Frühlingslektüre, die nicht weh tut und gut unterhält!