|Rezension| Sieben Tage einer Ehe – Mary Beth Keane

von | Mrz 4, 2024 | 0 Kommentare

Gewöhnliches wird außergewöhnlich erzählt!

Verlag: Eisele
Originaltitel: The Half Moon
Übersetzung: Heike Reissig
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 29.02.2024
Seiten: 336

„Sie hatte geglaubt, ihre Liebe sei versiegt, weil es sich so angefühlt hatte – als sei die Liebe über einen langen Zeitraum hinweg allmählich versickert, und die Freude, die sie früher immer empfunden hatte, langsam von einer tiefen Erschöpfung verdrängt worden, bis sie eines Tages feststellte, dass sie überhaupt nichts mehr empfand, wenn sie an ihn dachte, noch nicht einmal Wut. Wer war es doch gleich gewesen, der gemeint hatte, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit?“ (S.310)

Inhalt

Malcolm und Jess sind schon seit dem College ein Paar – als ambitionierte Anwältin und charmanter Barkeeper leben die beiden in ihrer Heimatstadt Gillam, bereit, eine Familie zu gründen. Doch als sie auch nach vielen Jahren noch immer kein Kind erwarten, beginnt Malcolm, sich anderen Dingen zu widmen: Mit seiner eigenen Bar verwirklicht er seinen Lebenstraum, während Jess sich zu fragen beginnt, ob sie wirklich das Leben lebt, das sie sich wünscht. Als ein schwerer Schneesturm Gillam erschüttert, wird die darauf folgende Isolation zum Brennglas für die verdrängten Probleme der fragilen Ehe: Was passiert, wenn ein Paar unterschiedliche Träume hat? Wer gibt wem Halt, wenn diese Träume platzen? Was heißt es wirklich, sich füreinander entschieden zu haben? Und sieht die wahre Bedeutung von Familie vielleicht ganz anders aus als gedacht?

Mein Eindruck

Von Mary Beth Keanes Debüt “Wenn du mich heute wieder fragen würdest” war ich sehr angetan und hatte mir vorgenommen, noch mehr von der Autorin zu lesen. Ihren zweiten Roman “Mit dir bis ans andere Ende der Welt” habe ich bisher unbewusst ignoriert, was ich nach der Lektüre von “Sieben Tage einer Ehe” aber umgehend ändern werde. 

Mary Beth Keanes dritter Roman handelt von Jess und Malcom – einem Paar Anfang vierzig, das sich in ihrer Ehe an einem Punkt befindet, an dem beide ihre Beziehung zueinander in Frage stellen. Während eines Schneesturms, bei dem in der ganzen Stadt der Strom ausfällt und der Alltag zum Erliegen kommt, begleitet der Leser die Beiden für sieben Tage. In Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven erfährt die Leserschaft wie es soweit kommen konnte, dass aus Liebe Gleichgültigkeit wird. 

Sicher ist das kein besonders origineller oder ungewöhnlich spannender Plot, aber das muss “Sieben Tage einer Ehe” auch gar nicht sein. Dieser Roman lebt davon, dass scheinbar Gewöhnliches auf eine ungewöhnlich präzise und empathische Art dargestellt wird. Jeder, der selbst bereits in einer langen Beziehung steckt(e) wird sich in den hier beschriebenen glücklichen Momenten wiederfinden und erst recht in den weniger rühmlichen Momenten: wenn man sich gegenseitig verletzt, weil man weiß, wo die Triggerpunkte des anderen liegen, wenn man den anderen nicht mehr an den eigenen Gedanken teilhaben lässt und sich emotional immer weiter von ihm entfernt, wenn man plötzlich unterschiedlicher Meinung über Dinge ist, über die man sich früher einmal einig war, usw. Aber ist man dann nicht schon am “point of no return”? Dieser Frage geht die Autorin nach, indem sie uns an den Gedanken ihrer Protagonisten teilhaben lässt. Dabei verzichtet sie dankenswerterweise auf Dramatik und große Gefühlsduseleien. Vielmehr ist es ein leiser Ton, der durch seine Authentizität und Klarheit überzeugt.  

Das Ende war ein wenig vorhersehbar, was mich aber nicht gestört hat, weil eben auch hier auf große Dramen und Emotionen verzichtet wurde, so dass es durchaus realitätsnah und nicht konstruiert oder erzwungen auf mich wirkte.

Mein Fazit:

Ich liebe, welchen Blick für (schmerzhafte) Details in zwischenmenschlichen Beziehungen Mary Beth Keane in ihren Romanen hat. Dies hat sie bereits bei ihrem Debüt bewiesen und in “Sieben Tagen einer Ehe” meiner Meinung nach perfektioniert. Mit welcher Präzision sie hier eine Ehe in Schieflage beschreibt ohne zu verurteilen oder Partei zu ergreifen, zeugt nur einmal mehr von ihrem literarischen Können. Es ist zwar erst Anfang März, aber ich denke “Sieben Tage einer Ehe” wird eines meiner liebsten Bücher in 2024!

 
Vielen Dank an den Eisele Verlag und Politycki und Partner für dieses Rezensionsexemplar.
 
 
Weitere Rezensionen zum Buch:
Share This