|Rezension| Klassenbuch – John von Düffel

von | Aug 7, 2017 | 0 Kommentare

Faszinierend erzählt, thematisch an meinen Erwartungen vorbei

Verlag: Dumont
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 21.03.2017
Seiten: 318

„Ich habe alles mitgemacht, alles mitgenommen und war nie müde für irgendwas. Ich bin auch jetzt nicht müde, aber erschöpft. Und dagegen hilft kein Schlaf. Gegen Erschöpfung hilft nur Umdenken, was leichter gesagt ist als getan, weil man dafür genau die Kraft braucht, die man nicht hat. Erschöpfung ist keine Befindlichkeit, Erschöpfung ist die Wand, durch die man mit dem Kopf nicht durchkommt.“ (S.174)

Worum geht´s?

Was macht die digitale Welt mit unseren Köpfen?
Neun Jugendliche an der Grenze zwischen Realität und Virtualität, Beschleunigung und Verlangsamung: Erik, Stanko, Emily, Bea, Lenny, Annika, Nina, Li und Henk taumeln und rasen in Richtung Erwachsensein. Sie sind Hochbegabte und Schwänzer, Suizidgefährdete und Magersüchtige, Aktivisten und Computernerds, Selbstdarsteller und Unsichtbare, deren Wirklichkeit mit den digitalen Möglichkeiten verschwimmt. Neun Gefangene ihrer eigenen Welten, für die es nur wenige Momente von Freundschaft und Wahrhaftigkeit zu geben scheint.
Was als Kranz isolierter Perspektiven beginnt, verwandelt sich zu einem fein verästelten Gesamtgebilde, in dem alles auf überraschende Weise miteinander interagiert und sich allmählich zu einem gemeinsamen Schicksal verdichtet: zu einer Reise an die Ränder der digitalen Welt, aus der kein Klick zurückführt.

Cover und Titel

Optisch ist John von Düffels Roman “Klassenbuch” ein Klassiker und besticht durch sein minimalistisches Äußeres, was vermutlich vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass man sich bei der Covergestaltung am Titel orientiert hat und so das “Klassenbuch” eben wie ein solches aussieht. Mich hat bei diesem Buch deshalb weniger die Optik als vielmehr das Konzept dahinter neugierig gemacht.

 

Mein Eindruck

John von Düffels Roman gleicht nicht nur äußerlich einem Klassenbuch, sondern auch der Aufbau des Romans ist an ein solches angelehnt, denn die Kapitel tragen die Namen der Schüler aus deren Perspektive erzählt wird, als Überschriften. Durch die wechselnden Perspektiven, die zunächst in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, hat man als Leser anfangs das Gefühl Kurzgeschichten zu lesen. Aber spätestens ab dem 2. Teil, der auch als solcher überschrieben ist, ergibt sich aus den Schilderungen der Schüler ein großes Ganzes.

Dem Leser wird von Beginn an deutlich, welches schriftstellerische Talent sich hinter John von Düffel verbirgt. Wie er jedem seiner Charaktere seine ganz eigene Sprache gibt, ist faszinierend und beeindruckend zugleich. Es bekommt nicht nur jede Figur ihre eigene Sprache sondern auch ihren eigenen Erzählstil: Mal ist es die Form eines klassischen inneren Monologs, mal eine E-Mail, mal ein Blogeintrag und mal ein Referat. Und das Beste: Hier werden keine Teenager-Klischees bedient, sondern es findet eine sehr ernsthafte und gut konzipierte Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen statt, die mal mehr und mal weniger alltäglich sind. So ist es ganz natürlich, dass man sich in die eine Figur mehr und in die andere Figur weniger hineinversetzen kann. Gemeinsam ist allen – neben ihrer Schülerrolle in der gleichen Klasse und ihrem Bezug zu ihrer Klassenlehrerin, die oft auch Ansprechpartnerin der jeweiligen Erzählung ist – der starke Bezug zum Internet.

John von Düffel erschafft in “Klassenbuch” eine nahe Zukunft, in der unser Leben von Drohnen begleitet und das Bildmaterial in sozialen Netzwerken live verbreitet wird, in der Mitschüler die Fernsteuerung des Smartphones eines anderen übernehmen können und in der es kaum noch Privatsphäre gibt. Dieses Zukunftsszenario klingt im ersten Moment ziemlich unglaubwürdig, ist letztlich aber gar nicht mehr so weit von unserer Realität entfernt, wenn man näher darüber nachdenkt.

In welches Genre lässt sich “Klassenbuch” also sortieren? Coming-of-age-Roman? Dystopie? Eine Mischung aus beiden? Schwer zu sagen und vielleicht muss man auch nicht immer eine Kategorisierung vornehmen. Fakt ist: Es geht um neun Jugendliche, die alle mehr oder weniger auf der Suche nach sich selbst sind und dabei mit sehr unterschiedlichen Hürden konfrontiert werden. Letztlich gipfelt das Ganze dann in einem fulminanten Ende.

Und trotz aller Gründe, dieses Buch zu loben, würde ich es nur bedingt weiterempfehlen. Warum? Zum einen liegt es daran, dass ich oft das Gefühl hatte, dass von Düffels außerordentlich literarisches Talent mit dieser Thematik nur schwer kompatibel ist. Oft wirkten die Texte zu konstruiert, zu perfekt und damit nicht mehr realitätsnah. Zu keinem der neun Teenager fand ich trotz seitenlanger Beschreibungen ihrer Gefühle einen wirklichen Zugang weil ich zu sehr damit beschäftigt war, zu dechiffrieren was der Autor wohl mit diesem und jedem Satz eigentlich sagen will. Ich empfand das Lesen deshalb eher als anstrengend und nicht als Entspannung wozu es doch eigentlich dienen sollte.

Mein Fazit:

John von Düffels “Klassenbuch” ist eine Geschichte von neun sehr unterschiedlichen Mitschülern, die alle mit ihrer inneren Zerrissenheit kämpfen und deren Empfindungen auf sehr virtuose Weise nach außen gekehrt werden. Auch wenn das vielseitiges schriftstellerisches Können von Düffels mich nachhaltig beeindruckt hat, konnte er mich mit seinem “Klassenbuch” letztlich nicht für sich einnehmen, weil mir der Plot insgesamt zu künstlich und unnötig verkompliziert erschien, wodurch ich keinen Zugang zu den Figuren bekam. Schade!

 

Vielen Dank an den Dumont Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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