|Rezension| Paradise Beach – Dara Brexendorf
Zwei schmerzhafte Sommer
„Sie fragt sich, ob es nach einem so großen zeitlichen Abstand noch immer funktioniert. Erinnerungen anhand von Fotos so zu kuratieren, dass nur bestimmte Bilder von einer Lebensphase hängenbleiben. Oder ob der Blick mit der Zeit ehrlicher wird, ob die Erinnerungen von der Gegenwart neu geformt werden. Ob sich mit Abstand gerade der Raum aufdrängt, den die Fotos nicht erzählen sollen.“ (S.46)
Inhalt
Ada schläft kaum noch, seit sie nach ihrer Endometriose-OP Medikamente nimmt. Sie lauscht den Geräuschen ihres Wohnhauses und erinnert sich zurück: an den Sommer ihrer Jugend, den sie zusammen mit ihrer Cousine Lill in ihrer Heimat an der Ostseeküste verbringt. Die Tage sind bestimmt vom Perfektionieren des eigenen Körpers und der Begegnung mit Elja, die Adas Welt ins Wanken bringt. Doch mitten in diesem Jahrhundertsommer 2003 beginnt ein Schmerz, und mit ihm das Schweigen, das Ada zunehmend von ihrer Außenwelt trennt.
Mein Eindruck
Mit “Paradise Beach” erzählt Dara Brexendorf eine Geschichte über Schmerz, Erinnerungen und das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken. Besonders gefallen hat mir dabei die Sprache: ruhig, atmosphärisch und stellenweise sehr eindringlich. Gerade in den Rückblicken entfaltet der Roman seine größte Stärke. Die Erzählebene in der Vergangenheit wirkte auf mich deutlich greifbarer und emotionaler als die Handlung in der Gegenwart. In der Erzählebene, in der Protagonistin Ada 13 Jahre alt und den Sommer im Haus ihrer Großmutter an der Ostsee verbringt, entstehen Szenen und Gefühle, die lange nachhallen und den Figuren Tiefe verleihen.
Wenn man den Jahrhundertsommer selbst als Teenager erlebt hat, weckt dieser Erzählstrang außerdem unglaublich viele nostalgische Erinnerungen. Dieses besondere Gefühl endloser Sommerferien, die Musik, erste große Gefühle und vor allem die damit verbundenen Unsicherheiten fängt der Roman sehr stimmungsvoll ein. Genau dadurch haben sich viele Szenen für mich besonders nah angefühlt. Und als jemand, der unzählige Stunden mit “Sims” vor dem PC gesessen hat, musste ich über die “Rosebud”-Referenz schon sehr doll lachen!
Der Gegenwartsstrang konnte mich dagegen nicht immer überzeugen. Ada ist nach einer Endometriose-OP krank geschrieben und lauscht in ihrer Wohnung auf die Geräusche ihres Nachbarn über ihr. Einige Entwicklungen wirkten auf mich etwas zu konstruiert und fühlten sich weniger natürlich an als die Vergangenheitsebene, die viel authentischer erzählt war.
Was ich aber grundsätzlich sehr bemerkenswert finde, ist, dass Endometriose im Roman überhaupt thematisiert wird. So viele Frauen sind davon betroffen und doch habe ich bisher noch in keinem Roman davon gelesen. Es ist toll, dass Dara Brexendorf das Thema in “Paradise Beach” sichtbar macht. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass dieser Aspekt vor allem in der Gegenwartsebene noch stärker herausgearbeitet wird. Die körperlichen und emotionalen Auswirkungen blitzen zwar immer wieder auf, hätten aber noch mehr Raum verdient. Stattdessen nahm die Geschichte rund um den Nachbarn vergleichsweise viel Platz ein, obwohl sie mich deutlich weniger berührt hat.
Und noch eine Randnotiz: Ich liebe das Cover! Es ist definitiv ein Kandidat für das schönste Cover des Jahres.
Mein Fazit:
Trotz dieser Kritikpunkte habe ich das Buch gern gelesen, vor allem wegen der besonderen Sprache und der emotional starken Rückblicke. Paradise Beach ist ein ruhiger, atmosphärischer Roman, der vor allem durch den sensiblen Umgang mit dem Thema “Endometriose” und die herzerwärmenden Rückblicke in die Sommer unserer Jugend überzeugt.