|Rezension| Fremde – Belle Burden
Fremde: Wie gut kennen wir den Menschen an unserer Seite?
„Im Rückblick wundert mich meine Direktheit, wo mir das alles doch so furchtbar peinlich war, aber ich hatte einfach das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. Ich hatte eine offene Wunde, für alle sichtbar, und es war mir ein Bedürfnis zu sagen: Das ist der Grund, warum ich blute. Und vielleicht wollte ich schon damals die Kontrolle über meine Geschichte haben. Ich wollte, dass die Wahrheit über das, was geschehen war, aus meinen Mund kam.“ (S.188)
Inhalt
An einem kühlen Märztag 2020, zu Beginn der Pandemie, verkündet Belle Burdens Ehemann ohne Vorwarnung, dass er sie verlässt. Zwanzig Jahre sind sie verheiratet. Zuvor haben sie im Ferienhaus der Familie auf Martha’s Vineyard einen ganz normalen Tag verbracht: Feuer im Kamin gemacht, Whiskey Sours getrunken, Hähnchen gegrillt. Plötzlich wird aus dem zuverlässigen Ehemann und Vater ein Mensch, den sie kaum wiedererkennt. Er verlässt ihr gemeinsames Leben wie ein Schauspieler, der sein Kostüm ablegt. Mit fünfzig bricht für Belle Burden eine Welt zusammen. Mitten im Schock und Schmerz der Trennung muss sie erfahren, wie naiv es war, ihrem Mann blind zu vertrauen. Kennt man den Menschen, den man liebt, wirklich? Während sie auf schonungslos ehrliche Weise nach der Wahrheit sucht, erwächst in ihr eine beeindruckende innere Stärke. Aus der schüchternen, scheuen Belle, die sich in die Rolle einer traditionellen Ehefrau und Mutter wie selbstverständlich eingefunden hatte, wird eine Frau, die die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnt.
Mein Eindruck
Autobiografische Bücher haben für mich immer einen besonderen Reiz. Bei „Fremde“ von Belle Burden waren es allerdings vor allem die Thematik und weniger die Tatsache, dass die Autorin aus einer prominenten Familie stammt und ihr Leben zumindest in bestimmten Kreisen New Yorks alles andere als unbekannt ist – ich kannte sie bisher schließlich nicht. Dennoch kommt bei Belle Burdens Geschichte unweigerlich auch ein gewisser voyeuristischer Reiz hinzu. Man möchte wissen, wie es hinter den Kulissen einer Ehe aussah, deren Beginn bereits in der New York Times annonciert wurde.
Besonders gefallen hat mir, wie ehrlich Burden über ihre Trennung, ihre Zweifel und auch ihre eigene Naivität schreibt. Sie beschönigt nichts und spart auch ihre eigenen Anteile nicht aus. Gleichzeitig ist ihr sehr bewusst, wie privilegiert ihr Leben ist, und sie versucht an keiner Stelle, ihre Erfahrungen mit denen von Menschen gleichzusetzen, die in völlig anderen Lebensrealitäten stecken. Diese Selbstreflexion macht ihre Geschichte glaubwürdig und angenehm unaufgeregt.
Bemerkenswert mutig ist, wie offen Belle Burden über ihre Gefühle und Erfahrungen schreibt. Denn dieses Buch ist keine Abrechnung mit ihrem Ex-Mann und auch kein Versuch, im Nachhinein Schuld zu verteilen. Vielmehr ist es eine sehr persönliche Bestandsaufnahme: So war es. So war unsere Ehe. So habe ich mich gefühlt, als ich verlassen wurde. Und so habe ich die Zeit danach erlebt.
Spannend finde ich, dass sich Belle Burdens Geschichte trotz ihrer offensichtlichen Privilegien auch auf viele Frauen in weniger privilegierten Situationen übertragen lässt: wie frau sich sukzessive vom Mann abhängig macht, die finanzielle Verantwortung bereitwillig abgibt, sich in die Rolle der Hausfrau und Mutter begibt und irgendwann verlassen wird und barfuß in einem riesigen Scherbenhaufen steht.
Im Grunde erzählt Belle Burden nicht nur von einer gescheiterten Ehe, sondern von einem Prozess der Emanzipation. Schritt für Schritt löst sie sich aus der Rolle der introvertierten, angepassten Ehefrau und beginnt, ihre eigene Stimme zu finden und sie schließlich auch zu erheben. Dass sie ihre Geschichte öffentlich macht, passt deshalb nur konsequent zu dieser Entwicklung. Eine erste Version ihrer Erfahrungen veröffentlichte sie 2023 in der „Modern Love“-Kolumne der New York Times, später entstand daraus dieses Buch.
Was dabei besonders beeindruckt, ist die Würde, mit der Burden von einem tiefen persönlichen Bruch erzählt. Sie zeigt, wie schmerzhaft es sein kann, aus eigenen Fehlern zu lernen, aber auch, wie man ganz vorsichtig mit nackten Füßen wieder aus dem Scherbenhaufen hinaustapsen kann – natürlich nicht, ohne sich hier und da noch am Fuß zu schneiden. Am Ende, wenn man überhaupt von einem Ende sprechen kann, scheint sie ihre bittere Lektion gelernt zu haben.
Und vielleicht liegt genau darin auch die größte Stärke, aber zugleich eine Besonderheit dieses Buches: Am Ende bleiben Fragen offen. Für die Lesenden genauso wie für Belle Burden selbst. Man wartet bis zuletzt auf Antworten, auf eine eindeutige Erklärung. Doch das Leben liefert sie eben nicht immer. Und genau das unterscheidet eine Autobiografie von einem Roman: Nicht jede Geschichte bekommt einen sauberen Schluss, nicht jedes Verhalten lässt sich erklären und nicht jede Frage beantworten.
Mein Fazit:
„Fremde“ ist eine schonungslose, aber erstaunlich würdevolle Geschichte über das Ende einer Ehe und den mühsamen Weg zurück zu sich selbst. Belle Burden findet dabei nicht auf alles eine Antwort und vielleicht wirkt ihre Geschichte gerade deshalb so ehrlich und berührend. Ein mutiges autobiografisches Buch über die Frage, wie gut wir den Menschen an unserer Seite wirklich kennen und wie gut wir uns selbst.