|Rezension| Die Architektur des Knotens – Julia Jessen

von | Nov 16, 2018 | 0 Kommentare

Eines der besten Bücher dieses Jahres

Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 07.03.2018
Seiten: 400

„Ich habe das Gefühl, immer tiefer in ein Gestrüpp aus Ungewissheiten zu rennen, dorthin, wo ich mich nicht mehr auskenne. Und es ängstigt mich. Aber immerhin bin ich in Bewegung. Auch wenn ich nicht weiß, wohin. Diese ganze Unordnung fühlt sich auf schmerzhafte Weise auch richtig an. Nicht gut. Nur richtig.“ (S.241)

Worum gehts?

Yvonne und Jonas sind ein gutes Paar. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Kinder, sie haben einen großen Freundeskreis, sie verstehen sich, beide sind berufstätig, teilen sich die Aufgaben. Warum Yvonne immer mehr das lähmende Gefühl hat, nur noch zu funktionieren, ist ihr selbst rätselhaft. Nur die Gewissheit, dass es so nicht weitergehen kann, die wird immer stärker. Nach einem Fest geht sie mit einem der jüngeren Gäste noch in eine Bar. Und schläft mit ihm. Aber warum musste sie es ihrem Mann erzählen? Warum dann ihre Familie verlassen? Warum etwas zerstören, was sie perfekt aufgebaut hat? Um dem wunschlosen Unglück, der stillen Zerstörung zuvorzukommen, die man oft erst bemerkt, wenn es zu spät ist? Julia Jessen erzählt schmerzhaft genau von Konflikten, in denen viele sich wiederfinden, auch wenn sich nur wenige so radikal damit konfrontieren. Und sie erzählt davon, wie eine Familie wieder zusammenfindet, auch wenn es nicht mehr so ist, wie es mal war.

Mein Eindruck

Es gibt Bücher, die man liest und liest und der Funke erst spät oder im worst case gar nicht überspringt. Dann gibt es Bücher, die man von Beginn an ganz nett findet, was sich auch bis zum Ende nicht ändert. Außerdem gibt es Bücher, bei denen man bereits nach der ersten Seite weiß, dass man hier ein besonderes Stück Literatur in den Händen hält. Solch ein besonderes Stück Literatur hat Julia Jessen mit “Die Architektur des Knotens” geschaffen. Ich habe dieses Jahr in keinem anderen Buch so viele Textstellen markiert wie auf diesen 400 Seiten. Julia Jessen hat mich auf Seite 1 abgeholt und auf Seite 400 tief beeindruckt und emotional aufgewühlt wieder herausgelassen.

Vor drei Jahren habe ich bereits ihren Debütroman “Alles wird hell” gelesen, der mich durch seinen ungewöhnlichen Erzählton erst irritiert, später fasziniert und letztlich doch etwas ratlos zurückgelassen hat, weil sich mir der Sinn hinter der Geschichte nicht vollends erschlossen hat. Als ich “Die Architektur des Knotens” in der Verlagsvorschau entdeckte, haben Cover und Titel mich magisch angezogen, nachdem ich die Inhaltsbeschreibung las, dachte ich “Muss ich lesen!” und erst dann fiel mir der Autorenname ins Auge und ich wurde skeptisch. Sollte ich mich noch einmal an eines ihrer Bücher heranwagen? Ich musste, denn der Klappentext passte genau in mein Beuteschema.

Viele Eigenheiten aus ihrem Debütroman finden sich auch in ihrem zweiten Roman wieder: Ihre Sätze sind kurz und knackig, manchmal abgehackt, so dass man oft das Gefühl des Gehetztseins und der Atemlosigkeit beim Lesen hat. Das fand ich in “Alles wird hell” gewöhnungsbedürtig, hier hat mich überhaupt nicht gestört, im Gegenteil. Es passte perfekt zur Geschichte, in der die Protagonistin Yvonne innerlich in einem ähnlichen gehetzten, atemlosen Zustand ist. Außerdem ist Julia Jessens Sprache trotzdem auffällig bildlich und voller ausdrucksstarker Metaphern und Vergleiche, ohne aber zu blumig und ausladend zu sein. Dabei ist der Titel selbst übrigens die beste Metapher von allen, aber um nicht zu viel vorwegzunehmen, belasse ich es bei dieser Andeutung.

Die Geschichte von Yvonne und Jonas, die die meiste Zeit aus der Sicht von Yvonne erzählt wird, ist an sich keine ungewöhnliche: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder, zwei Jobs, ein Haus und eigentlich ist alles gut, wenn nicht Yvonnes Sehnsucht wäre, all das hinzuschmeißen, was sie vermeintlich auch tut, indem sie mit einem jüngeren Mann schläft und ihrem Mann davon erzählt. Nun könnte man meinen, das hätte man ja schon 100x gelesen bzw. gehört, die arme gelangweilte Frau aus der Mittelklasse, die in der Midlife-Crises steckt und ihre Mutter- und Ehefrauenrolle leid ist.

Aber so wie Julia Jessen diese Geschichte erzählt, hat man sie bestimmt noch nie gelesen. Noch nie bin ich so tief eingetaucht in die Gedanken einer Frau, die hin und her gerissen ist zwischen dem Erfüllen der gesellschaftlichen Erwartungen und der Suche nach sich selbst. Und ganz nebenbei spickt sie diesen Plot auch noch geschickt mit weiteren spannenden Themen wie die Flüchtlingskrise, alternative Beziehungsformen oder Feminismus. Jede einzelne Seite war für mich ein Wiederfinden einerseits und ein Erkenntnisgewinn andererseits. Die zentrale Frage nach der eigenen Individualität und wie weit diese gehen darf/sollte/muss, ist dabei der rote Faden der Geschichte. Ich denke, es gibt sehr viele Mütter, die früher oder später in ihrer Partnerschaft an den Punkt kommen, an dem sie sich fragen „Wer bin ich eigentlich?“ Wie selbstverständlich erfüllen sie jahrelang ihre Aufgaben als Mutter, Partnerin, Hausfrau und im Job. Überall muss man funktionieren, Zeit sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, hat man da in der Regel kaum. Und irgendwann kommt der große Knall und man steht vor der Entscheidung „Bleiben oder gehen?“. Julia Jessens Protagonisten auf diesem Weg zu begleiten, ist ein emotionales Auf und Ab, wie ich bisher selten bei einem Roman erlebt habe. Vor allem mit Yvonne habe ich gelitten, nach Antworten und Lösungen gesucht, aber auch ihre positiven Gefühle nachempfinden können, wenn ihr etwas Schönes widerfahren ist.

Mein Fazit:

“Die Architektur des Knotens” ist momentan mein Lesehighlight dieses Jahres (und so viel vom Jahr ist gar nicht mehr übrig). Julia Jessen hat mich durch ihre einzigartige Sprache und die tiefgreifende und sehr berührende Innenansicht auf Beziehungen, in denen Erwartungen, gesellschaftliche Verpflichtungen, eigene Ansprüche und Sehnsüchte aufeinanderprallen, auf ganzer Linie überzeugt. Ich kann nicht verstehen und erst recht nicht akzeptieren, dass dieses Buch beim großen A… ein halbes Jahr nach Erscheinen gerade mal 2 (immerhin sehr positive) Rezensionen hat und werde dieses Buch ab sofort einfach JEDEM empfehlen!

Vielen Dank an den Antje Kunstmann Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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