|Rezension| Über vier Leben – Pauline Hatscher
Vier Leben. Eine Last.
„”Aber. Was soll man denn sonst machen, wenn man mit dieser Angst nicht klarkommt?” Meine Therapeutin atmet ein und atmet aus. “Sie spüren.” Ich streiche die Haare wieder hinter meine Ohren. Was für eine Floskel, will ich denken. “Das hat jedenfalls nach keine Ihrer Vorfahrinnen zugelassen, oder?” “ (S.344)
Inhalt
Auf der Suche nach dem Ursprung ihres diffusen Gefühls, nirgends dazuzugehören, blickt Mirabell in ihre Familiengeschichte. Doch statt Antworten findet sie nur ein Geflecht aus Leerstellen und Halbwahrheiten, weitergegeben wie in einem endlosen Stille-Post-Spiel: Eine Urgroßmutter, die verschwand. Eine Großmutter, die nicht mehr leben wollte. Eine Mutter, die schweigt. Wie nähert man sich einer so lückenhaften Vergangenheit an? Je mehr Brüche Mirabell aufspürt, umso deutlicher ahnt sie, dass das Ungesagte bis heute fortwirkt – und dass sie ihre eigene Geschichte selbst schreiben muss.
Mein Eindruck
Ich habe „Über vier Leben“ von Pauline Hatscher im Sommerurlaub gelesen und seitdem nach den richtigen Worten gesucht, um diesem Roman gerecht zu werden. Denn leicht macht es die Autorin ihren Leserinnen und Lesern nicht. Die Stimmung des Buches passt für mich tatsächlich viel besser in den Herbst als in einen unbeschwerten Sommerurlaub: Es ist eine schwere, stellenweise bedrückende Geschichte, die lange nachwirkt.
Ausgangspunkt ist Mirabelle, die aus einem diffusen Gefühl heraus, in ihrem eigenen Leben nicht richtig zurechtzukommen, auf die vergangenen drei Generationen ihrer Familie zurückblickt. So lernen wir ihre Mutter Sabine, ihre Großmutter Lisa und ihre Urgroßmutter Hannchen kennen. Über vier Generationen hinweg erzählt Pauline Hatscher von Frauen, deren Leben von ihren Umständen geprägt wird, von Dingen, über die geschwiegen wird, und von Verletzungen, die über Generationen weitergegeben werden.
Das große Thema des Romans sind Familientraumata. Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Suizid sind nur einige der schweren Themen, mit denen sich Hatscher auseinandersetzt. Manchmal war für mich kaum auszuhalten, in welche Situationen diese Frauen geraten und wie wenig Möglichkeiten ihnen bleiben, ihrer Situation zu entkommen. Dass die nachfolgenden Generationen diese Last mit sich tragen, wird dadurch unmittelbar nachvollziehbar. Hatscher erzählt mit großer Einfühlsamkeit, aber auch mit schonungsloser Ehrlichkeit von den Lebensrealitäten ihrer Figuren. Während man zunächst viele schreckliche Männer kennenlernt und eben Frauen, die Opfer ihrer Umstände kennenlernt, gibt es zum Glück später auch noch Väter, die ihren Kindern zugewandt sind, ebenso wie bösartige Frauen. Dass Pauline Hatscher hier nicht im Schema “Männer böse, Frauen gut” bleibt, sondern ihre Figuren vielschichtig und lebendig sind, ist für mich eine der Stärken des Romans.
Mit der fragmentarischen Erzählweise von “Über vier Leben” hatte ich dagegen zunächst meine Schwierigkeiten. Schon nach wenigen Absätzen wechseln Perspektive und Zeitebene. Mirabelles Geschichte im Jahr 2023 wird aus der Ich-Perspektive erzählt, während Sabine, Lisa und Hannchen aus der dritten Person geschildert werden. Später habe ich mich daran gewöhnt, dennoch wirkten manche Wechsel auf mich eher willkürlich als zwingend. Wenn sich Parallelen zwischen den Generationen ergeben, funktioniert diese Erzählform besonders gut, an anderen Stellen ist dieser ständige Wechsel schon eher herausfordernd.
Auch wurde mir die Geschichte im Laufe des Lesens zunehmend schwerer und hoffnungsloser. Das Ende soll vermutlich versöhnlich und hoffnungsvoll sein, hat für mich aber nicht ganz funktioniert. Nach allem, was die Figuren bis dahin erlebt haben und wie sie gezeichnet wurden, wirkte es auf mich eher unpassend und teilweise unrealistisch.
Mein Fazit:
„Über vier Leben“ ist für mich kein leichter Roman, aber ein eindringliches Debüt, das sich intensiv mit familiären Prägungen, Sprachlosigkeit und weitergegebenen Traumata auseinandersetzt. Pauline Hatscher zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Geschichten unserer Vorfahren in unser eigenes Leben hineinreichen können und wie schwer es sein kann, sich daraus zu lösen.