|Rezension| Geschwister – Moa Herngren
Familie ist kompliziert – Moa Herngren versteht warum!
„Aber die Worte ihrer Schwester sind wie ein kleiner Kiesel im Schuh. Man versucht, ihn auszublenden, aber er macht sich bei jedem Schritt bemerkbar, bis man sich schließlich gezwungen sieht, den Schuh auszuziehen und ihn auszuschütteln.“ (S.296)
Inhalt
Nach dem Tod des Vaters treffen sich die drei erwachsenen Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus im Elternhaus, um den Geburtstag ihrer Mutter zu feiern. Alle versuchen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden, doch im Spannungsfeld zwischen alten Mustern und der veränderten Familienkonstellation bringen Verletzungen aus der Kindheit die Geschwister an ihre Grenzen. Andrea fühlt sich von der engen Beziehung zwischen ihrer älteren Schwester und ihrer Mutter ausgeschlossen, Ulrika sieht in Andrea nur Papas Liebling, die immer alles bekommen hat, was sie wollte, und Rasmus, der Jüngste, steht schon seit jeher im Schatten seiner Schwestern. Als auffällt, dass einige Gegenstände aus dem Haus verschwunden sind, kommt es zum Eklat, und drei verschiedene Versionen einer gemeinsamen Kindheit prallen aufeinander.
Mein Eindruck
Mit “Scheidung” und “Schwiegermutter” hat Moa Herngren bereits eindrucksvoll gezeigt, wie präzise sie zwischenmenschliche Beziehungen seziert. In ihrem dritten ins Deutsche übersetzten Roman widmet sie sich nun den Geschwistern und einmal mehr trifft sie dabei den Finger ganz präzise mitten in die Wunde.
Als der Vater von Ulrika, Andrea und Rasmus plötzlich stirbt, gerät das ohnehin angespannte Familiengefüge endgültig aus dem Gleichgewicht. Während jeder der drei bereits mit ganz eigenen Problemen kämpft, reißt der Verlust alte Wunden auf. Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit werden wach und schnell wird deutlich, dass es innerhalb einer Familie keine objektive Wahrheit gibt. Selbst Geschwister, die unter demselben Dach aufgewachsen sind, tragen am Ende ganz unterschiedliche Erinnerungen in sich.
Besonders gelungen fand ich den Aufbau des Romans. Herngren erzählt nicht mit ständig wechselnden Perspektiven, sondern gibt jedem Geschwisterteil einen eigenen, zusammenhängenden Abschnitt. Zwar überschneiden sich die erzählten Ereignisse zeitlich immer wieder, doch statt Wiederholungen entstehen nach und nach neue Erkenntnisse. Mit jeder Perspektive verschiebt sich der Blick auf das Geschehen, vermeintliche Wahrheiten geraten ins Wanken und das Bild wird immer vollständiger. Dadurch entwickeln selbst knapp 600 Seiten einen regelrechten Sog.
Ich kenne keine Autorin, die familiäre Konflikte so überzeugend aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen kann wie Moa Herngren. Immer wieder war ich überzeugt, genau zu wissen, wem ich meine Sympathie schenke – bis die nächste Perspektive alles wieder auf den Kopf stellte. Sie schafft es, dass man jede Figur versteht, obwohl keine von ihnen frei von Fehlern ist. Wie sie zwischenmenschliche Beziehungen seziert, ist immer fasziniert!
Besonders beeindruckt hat mich, wie fein Herngren zeigt, welche Spuren Verletzungen aus der Kindheit hinterlassen. Rivalität, Zurücksetzung und Schuldgefühle begleiten die Geschwister bis ins Erwachsenenalter und beeinflussen ihr Handeln oft stärker, als ihnen selbst bewusst ist. Gleichzeitig stellt der Roman die Frage, welche Verantwortung Eltern tragen, obwohl sie vieles gar nicht absichtlich falsch machen, und ob es überhaupt möglich ist, sich von den Prägungen der eigenen Familie zu lösen.
Natürlich steuert die Geschichte auf eine große Konfrontation zu. Doch typisch Moa Herngren gibt es keine einfache Katharsis und keine saubere Auflösung. Das Leben ist komplizierter als das. Gerade deshalb wirkt der Roman so authentisch.
Mein Fazit:
“Geschwister” ist für mich Moa Herngrens bislang stärkster Roman. Obwohl mich bereits “Scheidung” und “Schwiegermutter” begeistert haben, erreicht sie hier noch einmal eine ganz andere emotionale Tiefe. Mit großer Empathie und psychologischem Feingefühl zeigt sie, wie sehr familiäre Prägungen unser gesamtes Leben beeinflussen und wie unterschiedlich Menschen dieselbe Vergangenheit erleben können. Selten habe ich einen Roman gelesen, der familiäre Dynamiken so klug, vielschichtig und nachvollziehbar erzählt. “Geschwister” ist kein Buch, das einfache Antworten liefert, dafür aber eines, das den Blick auf die eigene Familie vielleicht ein kleines bisschen verändert.