|Rezension| Dann schlaf auch du – Leila Slimani

von | Okt 27, 2017 | 0 Kommentare

Überragend erzählt, aber enttäuschender Aufbau

Verlag: Luchterhand
Originaltitel: Chanson douce
Übersetzung: Amelie Thoma
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 21.08.2017
Seiten: 225

„Wir werden erst glücklich sein, denkt sie, wenn wir einander nicht mehr brauchen. Wenn wir unsere eigenen Leben leben können, die nur uns gehören und die anderen nichts angehen. Wenn wir frei sind.” (S. 41)

Worum geht´s?

Sie wollen das perfekte Paar sein, Kinder und Beruf unter einen Hut bringen, alles irgendwie richtig machen. Und sie finden die ideale Nanny, die ihnen das alles erst möglich macht. Doch wie gut kann man einen fremden Menschen kennen? Und wie sehr kann man ihm vertrauen?

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

Cover und Titel

Ich kann gar nicht genau erklären, wieso ich diese Assoziation hatte, aber bei meinem ersten Blick auf das Cover dachte ich “Ach nein, nicht schon wieder eine Zweite Weltkriegs-Geschichte.” Vermutlich liegt es an dem schwarz-weiß Foto, dessen Verwendung bei vielen Kriegsgeschichten Usus ist. Allein aufgrund dieses Missverständnisses ist “Dann schlaf auch du” bei mir zunächst durchgefallen, tauchte dann aber so oft in der Buchblogger-Community auf, das ich doch neugierig wurde und schnell merkte, dass ich das Buch völlig zu Unrecht vorverurteilt habe.
Den Titel halte ich auch für etwas unglücklich, weil er in meinen Augen zu kryptisch ist und der Leser sich nichts darunter vorstellen kann, wenngleich er eine Anlehnung an den Originaltitel “Chanson douce” (“süßes Lied”) ist.

Mein Eindruck

Nachdem ich das erste Kapitel von “Dann schlaf auch du” gelesen hatte, spielte ich mit dem Gedanken, den Roman wieder wegzulegen. Als Mutter eines Kleinkindes, die noch dazu schwanger ist, schien diese Geschichte, die damit beginnt, dass ein totes Baby und ein schwer verletztes Kleinkind aufgefunden werden, nicht gerade die passende Lektüre zu sein. Und trotzdem übte sie einen besonderen Reiz auf mich auf. Einerseits gefiel mir der Schreibstil von Leila Slimani auf Anhieb, andererseits war ich neugierig wie sie ihrem Roman, den sie von hinten aufzäumt, indem sie das Ende vorweg nimmt, trotzdem Spannung verleihen will.

In einer sehr ruhigen, distanzierten Sprache wird von der Autorin eine Geschichte erzählt, die auf einer wahren Begebenheit beruht, die sich in ähnlicher Form in New York zugetragen haben soll: Die Kinder eines Ehepaares werden von ihrer Nanny ermordet. Klingt nach einem Stoff für einen Thriller und trotzdem ist es keiner, denn Leila Slimani legt den Fokus nicht auf den Mord – dieser wäre meiner Meinung nach sogar verzichtbar gewesen – sondern auf eine Milieustudie der Pariser Gesellschaft und das Psychogramm ihrer Charaktere: Während im ersten Teil des Romans eher Myriam und Paul sowie ihre Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen, verlagert sich der Schwerpunkt im Verlauf auf das Wesen der Nanny. Mich hat der erste Teil sehr viel mehr angesprochen, vermutlich weil ich mich mit den Problemen berufstätiger Eltern eher identifizieren kann als mit den Problemen einer mittellosen, einsamen Nanny mittleren Alters. Definitiv spannend ist es wie Leila Slimani ganz allmählich die gegensätzlichen Welten der Nanny Louisa und ihrer Arbeitgeber Myriam und Paul aufbaut. Scheinen sich die drei zu Beginn gar nicht so unendlich zu sein, tun sich auf beiden Seiten immer tiefere Abgründe auf.

Wie bereits erwähnt, wird das Ende der Geschichte bereits im ersten Kapitel vorweg genommen. Der Roman widmet sich also der Frage wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Der für mich größte Kritikpunkt an “Dann schlaf auch du” ist nicht dieser ungewöhnliche Aufbau, sondern die Tatsache, dass am Ende zu viele Fragen offen bleiben. Oftmals muss man sich als Leser nur mit Andeutungen zufrieden geben und bis zuletzt gibt es keine umfassende Aufklärung wie und warum es zum Tod der Kinder konnte. Hier wäre ein Eintauchen in die Psyche der Nanny spannend und meines Erachtens auch nötig gewesen. Stattdessen wird das Ende von außen (aus der Sicht einer Polizistin) geschildert. Aber was genau hat dazu geführt, dass Louise die Kinder, die sie doch so sehr vergötterte (und die sie vergötterten) lebensgefährlich verletzt? Ist sie durchgedreht? Wollte sie sich an ihren Arbeitgebern rächen? Was geschah anschließend? Hat sie versucht sich das Leben zu nehmen? Und wo ist eigentlich Louises Tochter? Was ist aus ihr geworden? Und wohin verschwindet ihr Gehalt, das sie von Myriam und Paul bekommt? All diese Fragen bleiben unbeantwortet, obwohl der Roman gut noch 100 Seiten hätte vertragen können.

Mein Fazit:

“Dann schlaf auch du” beruht auf einer wahren Begebenheit, die genug Stoff für einen 500 Seiten Thriller bietet, den Leila Slimani aber für eine fesselnde und glaubhafte Milieustudie nutzt. Obwohl für meinen Geschmack zu viele Fragen offen bleiben, ist dieses Buch allein aufgrund des ruhigen Erzählstils und der spannenden Thematik durchaus lesenswert.

 

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.
Weitere Rezensionen zum Buch:
Share This
Zur Werkzeugleiste springen