|Rezension| Der Mann in der fünften Reihe – Veronique Olmi

von | Jun 23, 2017 | 1 Kommentar

 

Starker Beginn, schwacher Mittelteil, starkes Ende

 

 

Verlag: Kunstmann
Originaltitel: J’amais mieux quand c’ètait toi
Übersetzung: Claudia Steinitz
Gebundene Ausgabe: 18,00 Euro
Ebook: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 15.02.2017
Seiten: 112

 

 

„Und ich würde ihn so gerne verabscheuen. Ich würde ihn so gerne lieben können. Ich würde so gern mit ihm schlafen. Ich würde so gern darauf verzichten können. Aber jetzt weiß ich zumindest das: Vergessen werde ich ihn nie. Nie mehr verschweige ich seinen Namen und all das Großartige, Egoistische und Einzigartige, was er in sich trägt. Alles, as mir entspricht, mich anzieht und mich erfüllt. Alles, was mich zerstört. Nie mehr. Dich vergessen. Dich.” (S.102)

 

 

Worum geht´s?

Mitten in der Nacht, auf einer Bank in der Gare de L Est: Die Züge stehen still, und auch das Leben scheint zum Stillstand gekommen. Wer hier sitzt, ist gestrandet, aus der Welt gefallen. Was hat Nelly, die erfolgreiche Theaterschauspielerin, hier zu suchen?
Bis gestern war ihr Tageslauf, ihr ganzes Denken magnetisch auf die Rolle, auf das fremde Leben ausgerichtet, das sie abends auf der Bühne verkörpert. Bis gestern, als sie im Moment ihres Auftritts den Mann in der fünften Reihe sah, der als einziger nicht zu ihr hinblickte. Was will er von ihr, dieser Mann, von dem sie sich vor Monaten getrennt hat, den sie immer noch liebt, selbst wenn sie sich weigert, auch nur seinen Namen zu denken? Der Körper versagt der Schauspielerin den Dienst, denn diese Liebe war kein Spiel.

 

Cover und Titel

Das Cover von “Der Mann in der fünften Reihe” hat mich aufgrund seiner Schlichtheit sofort angesprochen. Zu sehen ist lediglich der Ausschnitt eines höchstwahrscheinlich weiblichen Hinterkopfes: schwarze glänzende Haare und nackte Schultern – der Rest bleibt im Verborgenen. Titel und Autorenname fügen sich dezent in das Covermotiv ein.
Den Titel “Der Mann in der fünften Reihe” halte ich insofern für gelungen, als dass er mich neugierig gemacht hat, was es mit diesem Mann wohl auf sich hat. Nach der Lektüre finde ich allerdings, dass der Titel einen falschen Schwerpunkt setzt, denn um besagten Mann geht es eigentlich erst auf den letzten Seiten des Buches.

 

Mein Eindruck

Um diese 112 Seiten zu lesen, habe ich knapp zwei Wochen gebraucht. Das spricht jetzt nicht unbedingt für “Der Mann in der fünften Reihe”.

Obwohl ich bereits einen Roman der Autorin gelesen habe (“Das Glück, wie es hätte sein können”) und damit wusste, dass Veronique Olmi einen sehr eigenen Schreibstil hat, bekam ich zu ihrem neuesten Roman trotz der interessanten Thematik vor allem im Mittelteil keinen Zugang. Während mich der Beginn als man die Protagonistin über ihr Leben sinnierend allein in einer Metrostation vorfindet noch fasziniert und neugierig gemacht hat, warf der Mittelteil viele Fragen auf, von denen einige bis zuletzt offen blieben.

Sprachlich wie immer brilliant erzählt Olmi die Geschichte der Mittvierzigerin Nelly, Mutter zweier Kinder und erfolgreiche Theaterschauspielerin. Durch ein unerwartetes Wiedersehen mit einem Mann, über den man eigentlich erst auf den letzten 30 Seiten des Romans etwas erfährt, wird die Protagonistin völlig aus der Bahn geworfen, weshalb sie eine Nacht lang allein in einem Bahnhof sitzt und ihr Leben in Frage stellt. Als Leser erfährt man so Fragmente über ihren Beruf, ihre Kinder, ihr Verhältnis zur Liebe und ihre Selbstzweifel. Diese fragmentarischen, sprunghaften Gedanken, die auch optisch durch kurze Sätze und kurze Absätze zur Geltung kommen, machten es mir teilweise schwer, tiefer in die Geschichte einzutauchen und ihr zu folgen. Andererseits ist der Roman dadurch natürlich auch sehr authentisch, da man das Gefühl hat, Olmi hat die Gedanken ihrer Protagonistin so niedergeschrieben wie sie ihr in den Kopf kamen. Dem Leser wird so viel Interpretationsspielraum gegeben – für meinen Geschmack zu viel. Einige Passagen habe ich schlicht weg nicht verstanden, was bei einem so schmalen Büchlein erst recht frustierend ist, weil man das Gefühl hat, etwas Entscheidendes zu verpassen.

Der letzte Teil des Romans, in dem es näher um den Mann in der fünften Reihe geht, hat mich wiederum sehr fasziniert. Olmi lässt hier tief blicken in die seelischen Abgründe einer Frau, die jemanden liebt, den sie gar nicht (mehr) lieben will, die sich ihrer schmerzlichen Lage sehr wohl bewusst ist und trotz ihres Schmerzens zu realistischen Einschätzungen fähig ist. Hier werden keine Klischees bedient, sondern poetische Worte für eine Situtation gefunden, in der sich fast jeder schon einmal befunden hat.

Mein Fazit:

“Der Mann in der fünften Reihe” ist ein melancholischer Roman über eine Frau, die durch eine unverhoffte Begegnung mit einem Mann völlig aus der Bahn geworfen wird. Olmis Sprachstil ist dabei gewohnt brilliant und allein deshalb ist dieses Büchlein lesenwert. Die Story war für meine Begriffe aber manchmal zu dünn, wirkte zu gewollt und erst zum Ende konnte ich mich wieder mit ihr versöhnen. Definitiv ist dies nicht Olmis bestes Buch, aber auch kein schlechtes.

 

 

Vielen Dank an den Kunstmann Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

 

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