|Rezension| Eine englische Ehe – Claire Fuller

von | Apr 15, 2017 | 0 Kommentare

Über Sein und Schein einer Ehe

Verlag: Piper
Originaltitel: swimming lessons
Übersetzung: Susanne Höbel
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.03.2017
Seiten: 368

„Vergessen Sie den ganzen Quatsch mit den Erstausgaben und signierten Exemplaren. Belletristik hat mit Lesern zu tun. Gibt es keine Leser, haben all die Bücher keinen Sinn – deshalb sind die Bücher genauso wichtig wie der Autor, wenn nicht wichtiger. Aber manchmal erfährt man nur etwas darüber, was der Leser gedacht hat, wie er gelebt hat, als er das Buch gelesen hat, wenn man sich das ansieht,was er zurücklässt.“ (S.137f.)

Worum geht´s?

Eigentlich hatte sie andere Pläne. Ein selbstbestimmtes Leben, Reisen, vielleicht eine Karriere als Schriftstellerin. Doch als sich Ingrid in ihren Literaturprofessor Gil Coleman verliebt und von ihm schwanger wird, wirft sie für ihn all dies über Bord. Gil liebt seine junge Frau, und dennoch betrügt er sie, lässt sie viel zu oft mit den Kindern allein. In ihren schlaflosen Nächten beginnt sie, Gil heimlich Briefe zu schreiben. Statt ihm ihre innersten Gedanken anzuvertrauen, steckt sie ihre Briefe in die Bücher seiner Bibliothek und verschwindet schließlich auf rätselhafte Weise. Zwölf Jahre später glaubt Gil, seine Frau in dem kleinen Ort an der englischen Küste wieder gesehen zu haben – und ihre gemeinsame Tochter Flora, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, beginnt nach Antworten zu suchen, ohne zu ahnen, dass sie nur die Bücher ihres Vaters aufschlagen müsste, um sie zu erhalten …

Cover und Titel

Cover und Titel dieses Romans haben mich in der Programmvorschau des Piper Verlags förmlich angesprungen. Das Cover ist so geschmackvoll – einerseits dezent, andererseits ein Eyecatcher – die zarten Wellen, die das Motiv bestimmen, der Scherenschnitt einer Frau mit gelocktem bzw. gewelltem Haar und der Hintergrund, der Meer und Himmel darstellen soll, passen einfach perfekt zum Roman, ohne zu viel von der Geschichte zu verraten.
Der Titel „Eine englische Ehe“ ist sehr einprägsam und lässt viel Interpretationsspielraum. Das gefällt mir sehr. Allerdings finde ich – wie so oft – dass der Originaltitel „swimming lessons“ der Geschichte gerechter wird, weil es letztlich nicht wirklich um die Darstellung einer Ehe geht, sondern vielmehr darum wie die Protagonistin bei ihrem täglichen „swimming lessons“ ihr (Ehe-)Leben reflektiert.

Mein Eindruck

Claire Fullers Debütroman „Eine englische Ehe“ beginnt fast wie ein Krimi: Ein Mann meint durch ein Fenster unten auf der Straße seine seit 12 Jahren vermisste und totgeglaubte Frau Ingrid zu sehen. Als Leser ist man dadurch gleich mittendrin in der Geschichte und möchte natürlich erfahren, was mit Ingrid geschehen ist und ob sie wirklich diese Frau auf der Straße war.

Ab diesem Zeitpunkt wird die Geschichte in zwei Handlungssträngen erzählt. Der Leser erfährt wir aus der Sicht eines allwissenden Erzählers wie es mit dem Vater und seinen zwei Töchtern Flora und Nan weitergeht, wobei vor allem die jüngere Tochter und ihre Beziehung zu ihren Eltern im Fokus steht. Der zweite Handlungsstrang sind Briefe, die die verschwundene Mutter Ingrid vor ihrem Verschwinden verfasst und in Büchern versteckt hat. Ein besonderer Clou an dieser Sache: Die Briefe stecken in Büchern, deren Titel passend zum jeweiligen Inhalt des Briefes ist. Die Briefe sind außerdem chronologisch geordnet und der Kern des Romans, da man aus ihnen nach und nach die Details über Gils und Ingrids Ehe erfährt. Da Claire Fuller die Geschichte mittels Briefen erzählt, verzichtet sie damit auf hochdramatische Szenen und emotionale Dialoge. Vielmehr sind die Briefe schlicht eine Nacherzählung der Ereignisse, deren unaufgeregter Ton ich sehr angenehm empfand.

Die Beziehung der beiden beginnt in den 70er Jahren als sich die Studentin Ingrid in ihren Professor Gil verliebt. Nach einem Sommer voller Sex und Liebesschwüre ist Ingrid schwanger. Während sie davon völlig überrumpelt ist, ist Gil überglücklich über die Schwangerschaft. Ingrid lässt sich von dieser Begeisterung blenden, die beiden heiraten überstürzt und ab da beginnt ein Eheleben mit einigen Höhepunkten, aber vor allem auch vielen Tiefpunkten. Die anfänglich verteilten Sympathien für die Protagonisten beginnen sich zu wandeln und am Ende stellt sich heraus, dass nichts so wahr wie es anfangs schien und niemand hinter die Abgründe einer Beziehung blicken kann, auch nicht die eigenen Kinder.

„Eine englische Ehe“ ist die Geschichte einer Familientragödie, die vor allem durch ihre spannenden und sich entwickelnden Charaktere überzeugt. Der Fokus liegt hier nicht auf den äußeren Umständen, sondern den Kern der Familie: das Paar, das später zu Eltern wird und deren Kinder. Claire Fuller schreibt so einfühlsam und tief – nicht im Stil eines typischen Frauenromans. Insgesamt ist der Ton des Romans sehr melancholisch, was mir manchmal doch sehr zu schaffen gemacht hat. An trüben Tagen sollte man dieses Buch vermutlich eher nicht lesen.
Außerdem mochte ich den engen Bezug zur Literatur in diesem Roman. Gil ist Literaturprofessor und leidenschaftlicher Sammler gebrauchter Bücher, weil ihn die Notizen oder sonstigen Hinterlassenschaften vergangener Leser interessieren.

Mein Fazit:

„Eine englische Ehe“ ist ein tiefgründiges und melancholisches Portrait einer Beziehung, die über die Jahre einen tragischen Verlauf nimmt. Claire Fullers unaufgeregter Schreibstil und ihre differenzierten Charaktere gepaart mit einer spannenden – fast kriminalistisch angehauchten – Rahmenhandlung machen diesen Roman zu einer lesenswerten und eindrücklichen Lektüre.

 

Vielen Dank an den Piper Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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