|Rezension| Ich, die ich Männer nicht kannte – Jacqueline Harpman
Ein Roman, der mehr fragt als erklärt
„Die Vergeblichkeit aller Mühen ließ unseren Geist nach und nach verkümmern.“ (S.91)
Inhalt
Tief unter der Erde werden neununddreißig Frauen gefangen gehalten. Während das elektrische Licht Tag und Nacht verschwimmen lässt, sitzt ein junges Mädchen – die vierzigste Gefangene – allein und ausgestoßen in der Ecke. »Ich, die ich Männer nicht kannte« ist so feministisch wie »Der Report der Magd« und so existentiell wie »Die Wand«: Ein moderner Klassiker, internationaler Verkaufserfolg und BookTok-Hit in neuer deutscher Übersetzung.
In einem unterirdischen Gefängnis sitzen neununddreißig Frauen. Was übertage geschehen ist, wissen sie nicht: Wurde die Welt verlassen, von einem Virus verwüstet? Die Frauen können sich nicht erinnern, wie sie in den Käfig gelangt sind, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Ihre Aufseher, sechs schweigsame Männer in Uniform, sprechen nicht mit ihnen und berühren sie nur, um sicherzustellen, dass keine von ihnen versucht, sich das Leben zu nehmen. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen. Als erste wagt jene vierzigste Gefangene den ersten Schritt, die nichts als das Gefängnis kannte. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen nicht die Freiheit, sondern eine Welt, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden.
Mein Eindruck
Ich war zunächst skeptisch, zugleich aber auch neugierig auf “Ich, die ich Männer nicht kannte”. Vor allem der überall zu lesende Vergleich mit Margaret Atwoods “Der Report der Magd” hat mich eher abgeschreckt. Für mich greift dieser Vergleich zu kurz: Ja, beide Romane sind Dystopien und stellen Frauen in den Mittelpunkt. Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon.
Der Roman der belgischen Autorin Jacqueline Harpman erschien ursprünglich 1995 auf Französisch und liegt nun in einer Neuübersetzung von Luca Homburg auf Deutsch vor. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und war überrascht, wie sehr es mich in seinen Bann gezogen hat. Das lag nicht zuletzt an Vera Teltz, die den Text großartig liest. Normalerweise schweifen meine Gedanken bei Hörbüchern schnell ab. Hier war das Gegenteil der Fall: Ich habe jede freie Minute genutzt, um weiterzuhören.
Schon die Ausgangssituation ist verstörend. Vierzig Frauen werden unter der Erde gefangen gehalten, bewacht von Männern, die kein Wort mit ihnen sprechen. Warum die Frauen dort eingesperrt wurden, wo sie sich befinden und was mit der übrigen Menschheit geschehen ist, bleibt ein Rätsel. Harpman verweigert bewusst jede Erklärung und überlässt vieles der Fantasie ihrer Leserinnen und Leser.
Besonders faszinierend wird der Roman, als die Frauen ihrer Gefangenschaft entkommen und sich in einer Welt wiederfinden, die ihnen vollkommen fremd ist. Dieser Teil nimmt den größten Raum der Handlung ein. Ab diesem Moment konnte ich kaum noch aufhören zuzuhören. Mit jeder Seite wollte ich mehr darüber erfahren, wie sich die Frauen Freiheit, Selbstbestimmung und ein Stück Leben zurückerobern. Dabei stellt der Roman immer wieder existenzielle Fragen: Was bedeutet Freiheit eigentlich, wenn die Möglichkeiten begrenzt sind? Was macht ein Leben lebenswert? Wie würde man selbst in einer solchen Situation handeln? Und wie einsam kann ein Leben selbst innerhalb einer Gemeinschaft sein?
Harpman erzählt aus der Ich-Perspektive einer namenlosen Erzählerin und spannt dabei einen Bogen über viele Jahre. Bereits die Rahmenhandlung macht deutlich, dass wir den Bericht einer älteren Überlebenden lesen: die Lebensgeschichte einer Frau, die ihr Dasein unter außergewöhnlichen Umständen reflektiert. Gerade diese große zeitliche Dimension verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe.
Besonders interessant ist die Perspektive der Erzählerin. Im Gegensatz zu den anderen Frauen kennt sie kein Leben vor der Gefangenschaft. Sie vermisst weder Familie noch Partnerschaften oder die Annehmlichkeiten einer vergangenen Zivilisation. Dadurch blickt sie anders auf die Welt und die Veränderungen um sie herum. Während die anderen Frauen um ihr verlorenes Leben trauern, muss sie erst herausfinden, was Leben überhaupt bedeutet.
Obwohl Harpman in ruhigem Tempo erzählt und klassische Spannung nur sparsam einsetzt, entwickelt die Geschichte einen enormen Sog. Sie lebt nicht von spektakulären Wendungen oder großen Abenteuern, sondern von den Gedanken der Erzählerin und den vielen unbeantworteten Fragen, die noch lange nachhallen.
Am stärksten beeindruckt hat mich jedoch die Atmosphäre. Selten habe ich einen Roman gelesen, der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Sinnsuche so eindringlich spürbar macht. Harpman erschafft eine düstere, beklemmende Welt, geprägt von verlorenen Jahren, enttäuschten Hoffnungen und existenziellen Fragen. Gleichzeitig fordert sie ihre Leserinnen und Leser dazu heraus, über das eigene Leben nachzudenken: Was treibt uns an? Was gibt unserem Alltag Sinn? Und was würde von uns bleiben, wenn all das plötzlich wegfiele?
“Ich, die ich Männer nicht kannte” ist kein Roman, der alle Fragen beantwortet. Im Gegenteil: Vieles bleibt offen. Gerade darin liegt jedoch seine besondere Stärke. Das Buch hat mich noch lange nach dem Ende beschäftigt – und genau das macht für mich große Literatur aus.
Mein Fazit:
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ setzt nicht auf spektakuläre Wendungen oder ausführliche Erklärungen, sondern auf Fragen, die lange nachhallen. Es ist ein stiller, beinahe philosophischer Roman über Freiheit, Einsamkeit und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Die vielen offenen Fragen mögen nicht jedem gefallen, für mich machten sie jedoch einen großen Teil der Faszination aus. Ein ungewöhnliches, spannendes und lange nachwirkendes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.